21 - Zwei alleine unterwegs      Mai - Juni 2010

Wir haben uns kurzfristig entschlossen einen Aufenthalt in der Schweiz zu machen. Während 6 Wochen organisierten wir die Auflösung der Wohnung von Josts verstorbenen Eltern und nutzten die Gelegenheit für zwei Wochen Motorrad- und Wanderferien mit Yves.

Seit Mitte Mai sind wir wieder in Südamerika unterwegs. In den kommenden 4 Wochen reisen wir erstmals auf getrennten Wegen. Sandra freut sich seit langem auf ihren Sprachkurs in Quito und Jost erfüllt sich seinen Traum einer Amazonas-Reise.

Am 23. Mai um 10:00 Uhr ist es soweit, nach einem letzten Cüpli verabschieden Jost und ich uns im Flughafen von São Paulo voneinander, zuversichtlich und glücklich, aber doch mit der einen oder anderen Träne im Auge.

Mit einem letztes Cüpli auf dem Flughafen in São Paulo nehme ich Abschied von Sandra, schon hart... nach sooo langer Zeit des Zusammenseins!

Mein Flug nach Santiago de Chile ist turbulent und für meine Begriffe schwankt das Flugzeug bedenklich hin und her... mir stockt der Atem... da muss ich jetzt alleine durch... scheisse... aber beim Anblick der frisch verschneiten Anden vor dem tiefblauem Himmel, vergesse ich alle meine Ängste und schaue mit offenen Augen aus dem Flugzeugfenster auf dieses imposante Panorama. In Santiago angekommen durchlaufe ich das ganze Ein- und Ausreiseprozedere und habe nun im Pass einen 30-minütigen Aufenthalt in Chile dokumentiert. Und das alles nur, weil ich mich für den Flug nach Quito nochmals neu einchecken musste.

Der Flug über immer grüner werdende Landschaften tröstet mich ein wenig und als Dessert folgt eine unvergessliche Landung. Wir fliegen über eine breite Flusskrümmung, in der wie auf einer Halbinsel die grosse Stadt Belém mit ihrem Geschäftszentrum aus Hochhäusern steht und rundherum ist nichts als Regenwald!

Quito empfängt mich mit kühlen Temperaturen und neblig verhangenem Wetter. So wird es den nächsten Monat auch mehrheitlich bleiben. Obwohl ich von anderen Quito-Reisenden vorgewarnt wurde, hoffte ich doch, dass sich die Stadt des ewigen Frühlings nicht ausgerechnet einen vermiesten Apriltag als Vorbild nehmen würde. Aber so stopfe ich meine Sommerkleider ganz zuunterst in meinen Rucksack und versuche mit Jacken, dicken Socken und viel heissem Tee zu überleben.

Noch im Terminal des Flughafens steige ich in kurze Hosen und Schlarpen, denn hier ist es tropisch heiss! Ein Taxi fährt mich durch kleine und schmuddelige Gässchen zum Hotel Amazonia, mir ist schon nicht mehr so geheuer. Im Hotel selber wird vor ziemlich allem Bösen gewarnt: keine Busse benutzen, abends nicht raus, etc. und überhaupt. Ich bin etwas verunsichert und diskutiere mit einer jungen Deutschen über Belém bezüglich Gefährlichkeit. Sie ist schon etwas länger hier und beruhigt mich, also Zeit für ein Bier. Wir gehen entlang der Hauptstrasse Richtung Bar, gleichzeitig schrillen unsere inneren Alarmglocken, aber zu spät: ein junger Kerl packt Alicia mit einem Würgegriff, ich will ihr helfen, doch schon blitzen hinter mir zwei Messer auf. Ich greife in die linke Hosentasche und gebe den Gaunern rasch die wenigen Banknoten. Sie suchen weiter, klauen noch meine Zigarillo-Schachtel und rennen weg. Alicia fehlt das Handy, dafür habe ich meine 150 Reales im rechten Hosensack noch. Nach einem fast noch gefährlicheren, aber völlig nutzlosen, Gang auf den Polizeiposten genehmigen wir uns dann doch noch das geplante Bier. Um 23:30 Uhr entscheiden wir uns dieselbe Strasse zurück ins Hotel zu laufen, so quasi als Therapie. Es klappt wunderbar. Doch das mulmige Gefühl wenn ich alleine unterwegs bin, bleibt mir noch länger erhalten als erwartet.

Meine Gastfamilie begrüsst mich mit einem herzlichen Bienvenido. Wir wohnen im nördlichen Teil der Stadt, in einem Quartier der ecuadorianischen Mittelschicht. Die Familie besteht aus den Eltern und zwei kaum in Erscheinung tretenden erwachsenen Töchtern. Der Vater Eugenio ist immer mit gutem Rat und einem riesigen Lachen für uns da, die Mutter Yolanda verwöhnt uns mit feinem Essen (besonders erwähnenswert ist der Radieschensalat an Limonensaft oder ihre Spaghetti-Omelette) und unterstützt uns in vielen alltäglichen Dingen. Im grossen Haus hat es Platz für drei Studenten und so treffe ich auch Lisa aus England und Manon aus Frankreich, die dieselbe Schule besuchen wie ich. Und dann ist da noch Nena, die kleine, graue Pudeldame, die oft stundenlang draussen weinerlich winselt und sich heiser bellt, während ich drinnen versuche möglichst konzentriert meine Hausaufgaben zu erledigen.

Im Hafen finde ich die "Amazon Star", ein grosses Transportschiff mit 3 Decks. Zuunterst ist alles vollgepackt mit Fressalien, Getränken, Möbeln, etc., auf dem Mitteldeck ist der grosse Schlafsaal für die Hängematten, in dem ich als einziger Touri mit ca. 154 Einheimischen meine Nächte verbringe, leider meist kühle, da die Fenster geschlossen werden und zwei riesige Klimaanlagen für entsprechende Temperaturen sorgen. Zuoberst sind die Camarotes (Kabinen), hier treffe ich auf drei Australier und einen Kanadier mit denen ich oft den Tag, aber vor allem die Abende an der Bar bei Bier verbringe.

Mein Zuhause ist ein hellblaues Zimmer mit pinkfarbigen Vorhängen, auf kleinen Glasregalen stehen Porzellanfigürchen von Feen und Elfen, aber auch ein kleiner, pelziger Koalabär und ein goldenes Kruzifix dürfen nicht fehlen. Jeden Morgen schlüpfe ich mit Ach und Krach unter meinem Haufen Wolldecken hervor, braue mir als erstes einen heissen Kaffee und geniesse die Ruhe, bevor der Rest der Familie aufwacht. Pünktlich um 7:30 Uhr werden wir zum Frühstück gerufen, dazu spielt Eugenio immer eine Musik-CD ab und so machen wir uns gestärkt mit Brötchen und einer spanischen Version von "I did it my way" auf den Schulweg.

Ich geniesse die ersten 5 Tage auf dem Amazonas unglaublich, ein Traum beginnt sich zu erfüllen. Nur eines ist furchtbar anstrengend, als Alleinreisender werde ich viel angesprochen, natürlich auf Portugiesisch, ich antworte mit meinem brachialen Spanisch und so entstehen lange Diskussionen mit wenig Inhalt. Auch die Unterhaltung auf Englisch ist nicht einfacher, denn was die Australier von sich geben, kann kaum als Englisch bezeichnet werden. Immerhin verstehe ich jedes zweite Wort, es fängt mit "F" an und hört mit "uck" auf, ansonsten muss ich immer dreimal nachfragen was sie gerade gemeint haben. Deshalb entschwinde ich so oft als möglich mit einem Buch an die Reling und geniesse das an mir vorbeiziehende saftige Grün des Regenwaldes. Der Genuss ist allerdings vorbei, wenn der Fernseher eingeschaltet wird und ein lautes brasilianisches Musikvideo mit viel nackter Haut ertönt.

Jeden Morgen warten wir am Strassenrand und hoffen auf einen mehr oder weniger pünktlichen Bus. Die Fahrt im Berufsverkehr ist nicht nur für den Chauffeur eine alltägliche Herausforderung. Mit Ganzkörpereinsatz quetschen sich die Fahrgäste vom Eingang durch die Menge zum Ausgang nach hinten. Und bei den unvermeidlichen Vollbremsungen hängen wir alle an den Griffen festgekrallt schief im Bus, ein völlig zusammengepresster Körpersalat. Solche Momente sind besonders beliebt bei Taschendieben und auch mein Rucksack wurde mit Messern aufgeschlitzt, aber zum Glück erbeuteten sie nur meinen Wecker...

In der 6. Nacht erreichen wir Manaus, eine meiner Traumdestinationen. Jean, ein Mitreisender, zeigt mir ein gutes und günstiges Hotel im Rotlichtmilieu und da wir die einzigen Gäste sind, die das Zimmer nicht wie hier üblich nur stundenweise mieten, werden unsere Schlüssel an einem speziellen Ort deponiert. Ich revanchiere mich mit einer Einladung zu einer Führung im legendären Teatro Amazonas, sprich Opernhaus von Manaus. So stehe ich zu Tränen gerührt und schweissgebadet in diesem eher kleinen, jedoch prachtvollen und geschichtsträchtigen Raum. Um dem kulturellen Aufenthalt eine schöne Abrundung zu geben, besuche ich mit Jean die Nachtclubs rund um das Hotel und bewundere einige grossartige Live-Auftritte mit üppigen Rundungen von Kopf bis Fuss und zartrosa Grotten in braungebrannten Tälern.

Unsere Schule steht im modernen Geschäftsviertel in der Nähe des Flughafens und so kommen wir ständig in den Genuss von vielen bedrohlich tieffliegenden Flugzeugen die zwischen Hochhäusern ihre Landebahn suchen. Wenn ich aus dem Fenster schaue, kann ich beinahe die Nieten eines Tragflügels zählen. Aber eben, eigentlich sollte ich ja all die spanischen Vokabeln von der Tafel abschreiben... Jeden Tag habe ich 4 Stunden Privatunterricht und büffle irreguläre Verben und den gehirnzermarternden Subjunktiv bis zum Abwinken, geniesse aber auch die vielen interessanten Gespräche und Diskussionen mit meinen Lehrern, sie erzählen mir viel über Land und Leute, aber auch aus ihrem eigenen Leben, unglücklichen Ehen, erschwerten Bedingungen mit behinderten Kindern, Erfahrungen mit Dianetik etc. oder zeigen Freude wenn die Ersparnisse für ein eigenes Heim reichen. Das "Studenten"-Leben gefällt mir sehr und Spanisch lernen macht mir nach wie vor viel Spass.

Ich ergattere ein Ticket für die Weiterfahrt nach Tabatinga. Auf dem Schiff angekommen fühle ich mich bald sehr wohl und sicher, denn es trägt den Namen: "Sagrado Coração de Jesus". Es hat eine ähnliche Bauweise wie das letzte Schiff, glücklicherweise ohne Klimaanlage, dafür mit mehr Passagieren und entsprechend viel mehr Hängematten, die in drei Reihen ineinander geschachtelt und teilweise übereinander aufgehängt sind. Am Boden liegt überall Gepäck herum und auf den freien Stellen spielen oder schlafen Kinder. Der nächtliche Gang zur Toilette verdammt mich zum Kriechen und der Weg zurück wird zur Suche nach meiner grünen Hängematte. Auch hier ist für Unterhaltung gesorgt, im Schlafsaal hängen ca. alle 5m zwei Fernseher. Ich sehe zwar vor lauter hängender Wäsche nichts, aber immerhin darf ich etwas mithören und wenn es dann wieder zu rauschen beginnt, weiss ich, dass das Schiff nun eine Kurve macht und der Sender verloren gegangen ist. Aber keine Angst, auf dem Oberdeck ist immer einer der am Gestänge an der Decke dreht, um die auf dem Dach montierte Satellitenschüssel wieder in die richtige Position zu bringen.

An den freien Nachmittagen spaziere ich oft durch die Stadt, entdecke neue Strassen und Plätze und besuche Kirchen, Kathedralen und Museen. Einer meiner Lieblingsplätze ist aber eine Pizzeria, einer der ganz wenigen Orte wo es eine Art Heizung gibt. Hierher verkrieche ich mich bei strömenden Regen und wenn es draussen so richtig scheusslich ist. In der Nähe des Holzofens wärme ich mich auf und geniesse den heimeligen Duft des frisch gebackenen Pizzateiges.

Wieder einmal glaube ich der einzige Touri auf dem Schiff zu sein, bis jemand mit vermutlich europäischen Wurzeln übers Deck läuft. Ich habe Glück und darf wieder einmal reden wie mir der Schnabel gewachsen ist, denn Naja und Felix sind in Zürich wohnhaft :-) Zusammen mit Sandras Sternenbüchlein entdecken wir in klaren Nächten immer wieder neue Sternzeichen, sehen etwas vom Zentaur, erkennen den Raben, identifizieren den Löwen inkl. Mars und sogar meine Jungfrau sehe ich zum ersten Mal, z.Z. sogar mit Saturn. Ein voller astronomischer Erfolg, der natürlich sofort mit einer neuen Runde Bier begossen wird!

An den Wochenenden versuche ich dem kalten Quito zu entkommen. Den 5./6. Juni verbringe ich in Mindo, einem kleinen Vogelparadies im Nebelwald. Das Dörfchen besteht eigentlich nur aus einer staubigen Hauptstrasse und unzähligen Hostals, Lodges und Restaurants. Und ich habe Glück, die Temperaturen sind hier herrlich warm. In langen Spaziergängen durch den üppig grünen Wald treffe ich auf Katarakte, klares Wasser sprudelt zwischen grossen Blättern die Felswände hinunter und ladet zum herrlichen Fussbaden im kalten Nass. Nach dem permanenten Verkehrslärm und der eher zweifelhaften Luft der Grossstadt atme ich hier tief ein und aus, endlich Ruhe! Am Sonntagmorgen noch vor Sonnenaufgang gehe ich mit einem Guide auf Vogelpirsch und beobachte viele Vögel, darunter Kolibris, aber auch eine ganze Familie von Tukanen, die in den hohen Ästen mit ihren riesigen Schnäbeln um die Wette klappern, und einen rot-grün-leuchtenden Quetzal, dessen Pfeifen wie leicht spöttisches Lachen tönt. Als ich auf meine Beine blicke sind diese zu meinem grossen Erschrecken ganz schwarz, sie sind voller Mücken... alleine an einer Wade zähle ich 60 Stiche. Diese hinterhältigen Biester können unbemerkt zustechen, dafür jucken die Stiche noch über eine Woche lang.

An jedem Hafen wird kräftig ein- und vor allem ausgeladen, natürlich alles von Hand und über schmale Holzplanken. Nach einigen Stunden stehen an Land u.a. Berge von Getränken aller Art, Kühlschränken, Möbeln und gefrorenen Hühnern. Der Kräftigste der Mannschaft trägt auf seinen Schultern jeweils 5 eiskalte Pakete mit je 8 fetten Poulets! Am Ufer liegen schlussendlich 1200 Stück und schmelzen in der Hitze vor sich hin. Der starke Mann hat aber auch noch einen anderen Job, erwischt er auf dem Schiff einen Dieb, und die gibt es des öfteren, dann packt er ihn unsanft an der Gurgel und übergibt ihn der Polizei. Ist die nicht vor Ort, dann geht es noch einfacher und der Strolch wird einfach über Bord geschmissen.

Eine Woche später reise ich mit meiner Mitbewohnerin Manon nach Baños. Wir wollen den aktiven Vulkan Tungurahua sehen, wegen seiner Aschenwolke musste der Flughafen in Guayaquil geschlossen werden. Aber hier empfängt uns nur trübes Wetter, alles ist nass, matschig und kühl. Die Stadt selber ist fast ausgestorben, niemand reist hierher aus Angst vor neuen Eruptionen. Die Einheimischen klagen wegen den fehlenden Touristen, deshalb finden die an jeder Strassenecke angebotenen Süsswaren aus Zuckerrohr keine Käufer und die Bars und Restaurants bleiben leer. Auch vom Vulkan ist keine Spur zu sehen, er versteckt sich hinter grauen Wolken, da können wir noch soviel heissen Canelazo trinken (ein mit Zimt und Zuckerrohr aufgekochtes Wasser und einem kräftigen Schuss Güx), die glühend roten Lavaströme bleiben im Dunkeln verborgen. Als Entschädigung suhlen wir uns 3 Stunden in den Piscinas de La Virgen, dem Thermalbad in Baños, und entspannen unsere Körper im dampfenden Wasser, einfach herrlich!

Nach weiteren 6 Tagen auf dem Amazonas kommen wir morgens um 1:00 Uhr in Tabatinga, am Dreiländereck Brasilien, Kolumbien, Peru an. Mit einem Taxi finden wir zu dieser ungemütlichen Stunde eine Unterkunft. Am Morgen erkundige ich Tabatinga (Bra) und Leticia (Kol). Sie liegen direkt nebeneinander am Fluss und nur eine einzige Strasse verbindet die zwei Städtchen. Hier kann ich von einem Land ins andere spazieren, mit dem Boot nach Peru tuckern und wieder zurück, so oft ich will, keine Grenzformalitäten, rein gar nichts. Aber vor meiner definitiven Abreise muss ich auf die Policia Federal, dort bekomme ich den brasilianischen Ausreisestempel. Mit einem kleinen Boot fahre ich über den Amazonas nach Santa Rosa (Per). Dort treffe ich wieder auf meine zwei Schweizer Reisegefährten, die mich glücklicherweise darauf aufmerksam machen, dass ich noch auf die peruanische Polizeistation muss, um offiziell und richtig einzureisen.

An einem Samstag mache ich mit einer kleinen Gruppe von Mitschülern einen Abstecher zum Cotopaxi und als grosse Überraschung sehen wir zwischen dem Nebelmeer und den wattigen Wolken den majestätischen Vulkangipfel klar und in den schönsten Farben. Wir erklimmen einen steilen Geröllhang, es ist eine anstrengende Kletterei auf 5'000 m.ü.M. in ganz dünner Luft. Im Refugio angekommen gibt es heisse Schokolade, eine kleine Schneeballschlacht und einen weiten Blick in die olivgrünen Täler und Ebenen. Für all das hat sich der Aufstieg wirklich gelohnt.

Auf der "Gran Diego" hat es nun ein paar Touristen mehr, darunter auch Manuela aus deutschen Landen. Zu meinem Leidwesen ist auch sie dem Bier nicht abgeneigt und somit erreichen wir zu Viert, dass kurz vor der Ankunft in Iquitos das Bier ausgeht. Die Andern haben aber vorgesorgt und lassen mich an ihrem Hochprozentigen teilhaben, Danke!

Gegen die leidige Kälte wird ab und zu auch kräftig gefeiert. Dazu gehört zum Beispiel der Ausflug mit der gesamten Schule in einer "Chiva", einem offenen, bunt angemalten Bus. Nach dem Eindunkeln steigen Schüler und Lehrer ein und - hopps – los geht's mit dröhnender Musik, viel tanzen, stampfen, singen und winken... und fahren eine Runde durch die schön beleuchtete Altstadt mit ihren Kolonialbauten. Alle haben an einem Schnürchen einen kleinen Plastikbecher um den Hals, dieser wird regelmässig mit heissem Canelazo gefüllt, die Stimmung wird immer ausgelassener und nach 3 Stunden stehen wir wieder vor der Schule.

Nach nur drei Nächten kommen wir in Iquitos an und ich fühle mich sofort zu Hause. Ich bin wieder zurück an einem meiner Lieblingsorte und habe mein Wunschziel erreicht, den ganzen Rio Amazonas zu bereisen. Es ist ja eine unglaublich lange Strecke, aber wenn ich an der Reling stand und ans Ufer schaute, musste ich mir immer wieder sagen, dass das nur ein winzig kleiner Teil ist den ich zu sehen bekomme. Das weit verzweigte Netz von Zuflüssen und Nebenarmen blieb mir verborgen, aber ich konnte es immerhin ein wenig erahnen. Auch die negativen Seiten blieben nicht verborgen. Die starke Besiedlung zeigt Folgen und es hat nur noch wenige Uferstellen mit richtigem Regenwald, das Meiste ist abgeholzt und wird für den Ackerbau verwendet. Ältere Mitreisende beklagen die Veränderung, früher hätte es viel mehr Tiere gehabt und es seien auch viele fremde Pflanzen eingeführt worden die hier eigentlich nichts zu suchen hätten.

Die Zeit in Quito hat mir sehr gut gefallen. Zum einen lese ich nun endlich meine Krimis auf Spanisch, zum anderen habe ich auch einen kleinen Einblick in das ecuadorianische Leben erhalten. Und es ist kein einfaches, es fehlt an allen Ecken und Enden und auf die grossen Worte der Politiker folgen meist nur kleine oder keine Taten. So wird der Alltag oft mit Bitten um Hilfe an die vielen Heiligen und Virgen, wie die mächtige Nuestra Señora de la Presentación del Quinche, die Virgen Dolorosa oder der Jésus de Gran Poder, gemeistert. Ich danke der Familie, Lehrern und Freunden, dass sie mich ein Stück auf ihrem Weg mitgenommen haben und mich an ihrem Leben teilhaben liessen. Nun freue ich mich nach Wärme, Sonne und vor allem nach Jost. Am 18. Juni ist es soweit, am Morgen in aller Frühe hole ich Jost vom Busterminal ab. Was für eine Freude, dass alles so gut geklappt hat und wir wieder gesund und glücklich zusammen sein können.

Ich hatte eine tolle Zeit, habe viel gesehen und viel kennengelernt und mache mich nun rasch auf die Reise zu Sandra. Mit dem Flugzeug geht's nach Lima, da erwische ich gleich einen Bus an die ecuadorianische Grenze. Morgens um 8:00 Uhr merke ich, dass ich mich mit der Zeit verschätzt habe, denn es ist 16.6. und der Match Spanien-Schweiz beginnt in einer Stunde. Also steige ich in Máncora kurzentschlossen aus und schaue mir das Wahnsinns-Spiel an, es sollte leider das Einzige bleiben... Am nächsten Tag fahre ich weiter und erreiche Ecuador. An der Grenze kann ich Sandra noch per Mail erreichen und ihr mitteilen, dass ich Morgen früh um 7:00 Uhr bei ihr in Quito ankomme. Die Nacht vergeht schnell und schon sehe ich durch das Busfenster Sandra auf einer Bank sitzen und auf mich warten, die Glückstränen dürfen nun endlich rollen...

Wir umarmen uns und feiern unser Zusammensein! Zwei Tage bleiben wir in Quito, dann zieht es uns weiter an den Strand... 

© 2009 dos en camino :: cms: netzton