22 - Vom Meer nach Riobamba      Juni - Juli 2010

In Montañita empfängt uns warmes Meeresklima, auf das vor allem Sandra sehnsüchtig gewartet hat. Dieses kleine Dorf ist ein Mekka für Surfer und es reiht sich Bar an Hotel und Restaurant. Da aber die Hochsaison noch nicht begonnen hat, wirkt es eher ausgestorben und wie eine riesige Baustelle, denn alle bereiten sich auf den kommenden Ansturm der Touristen vor. Im Hostal Swisspoint werden wir im Zimmer "Argovia" untergebracht, müssen aber leider unser einziges Paar weisse Socken verstaut lassen, da zu heiss. Dafür verwöhnt uns Patrick, Abgänger der Hotelfachschule Belvoirpark in Zürich, kulinarisch auf höchstem Niveau. So beginnt unser Tag mit feinem Kaffee, frischem Fruchtsaft, Joghurt mit hausgemachtem Müesli, frittiertem Fisch im Sesammantel an einer delikaten Curry-Sauce, Kartoffeln, Salat, danach warmer Zopf und geröstetes Schwarzbrot mit Butter und Konfitüre. Eine Schlemmerei ohne Grenzen!

Leider zeigt sich der Himmel nie, da er die ganze Zeit mit einer undurchdringlichen Wolkenschicht bedeckt ist. So ziehen wir weiter und suchen unser Glück in Puerto López. Hier machen wir einen Tagesausflug auf die Isla de la Plata, eine Art Galapagos für das kleine Portemonnaie. Die karge Insel, voll von dürren Bäumchen und Büschen, ist ein Vogelparadies. Wir wandern schwitzend über die Felsen und als Belohnung dürfen wir Hunderte von brütenden Blaufusstölpeln beobachten. Einige sitzen noch auf Eiern, bei anderen gucken bereits die zwei wuscheligen Küken aus dem Nest. Aber die Idylle trügt, denn das Zweite dient immer "nur" als Ersatz, falls das Erste nicht überlebt. Ansonsten wird das Ersatzküken verstossen und endet als Futter für die Raubvögel. Gleich daneben können wir ganz nah zwei riesigen Albatrossen zuschauen, wie sie mit ihrem lustigen, ungelenken Gang auf die Klippen zuwatscheln und von dort elegant mit ihren mächtigen Flügeln abheben.

Auf der Rückfahrt überraschen uns Buckelwale, ihr mächtiger Rücken taucht immer wieder neben uns auf und zu unserer Begeisterung verabschieden sie sich mit ihrer mächtigen Schwanzflosse. Weiter entfernt vollbringen die gigantischen Tiere als absoluten Höhepunkt noch ein paar Luftsprünge. Ein bewegendes Erlebnis! Danach beginnt auf unserem kleinen Boot das grosse Kotzen. Der raue Seegang fordert seinen Tribut und zwingt die Hälfte der Passagiere zum überstürzten Gang an die Reling. Wir bleiben glücklicherweise verschont und landen zufrieden wieder in Puerto López.

Das Wetter bleibt gleichbleibend grau und wir erfahren, dass dies in den Sommermonaten hier üblich ist, da sich alle Feuchtigkeit von den Anden bis zur Küste staut. Bevor wir in eine depressive Phase fallen, reisen wir im Eiltempo nach Peru, an den uns schon bekannten Strand von Máncora und geniessen dort zwei sonnige Wochen.

Da in Bälde Sandras Schwester ankommt, zieht es uns wieder nach Ecuador und wir fahren in mehreren Etappen in die Hauptstadt zurück. Als erstes erkunden wir die schöne Kolonialstadt Cuenca. Auf der Weiterfahrt staunen wir über die verschiedenfarbigen Kornfelder in allen Gelb-, Grün- und Rottönen bis hin zu Braun und dunklem Violett. Es ist Quinoa, ein andines Getreide aus der Inkazeit, es wurde von den Spaniern als unchristlich eingestuft und dessen Anbau unter Todesstrafe verboten. Fast ausgestorben erlebt Quinoa heute einen neuen Höhenflug und schmeckt übrigens, z.B. in einer Suppe, wunderbar!

In Riobamba angekommen müssen wir als erstes die geplante Tour nach Galapagos bezahlen. Verschiedene Versuche die Rechnung übers Internet zu begleichen schlagen fehl oder sind schlichtweg zu teuer. Somit bleibt uns nichts anderes übrig, als die 3'825 US$ in bar aufzutreiben und in der Bank einzuzahlen. Ein nicht so leichtes Unterfangen, da ein Geldautomat maximal nur 300$ in 5er, 10er und 20er Scheinen rausspuckt... oder in vielen Fällen überhaupt nichts! So ziehen wir kreuz und quer durch die ganze Stadt und versuchen an zig Automaten mit all unseren Plastikkarten unser Glück. Exponentiell zur steigenden Menge Geld im Sack wird es uns immer mulmiger und wir fühlen uns von immer mehr Augen beobachtet. Mit erhöhtem Puls und einem Taxi bringen wir das bis jetzt gesammelte Geld im Hotelzimmer in Sicherheit. Am nächsten Morgen knacken wir noch den letzten Geldautomaten und fühlen uns wie in einem Gangsterfilm, als wir die vielen Noten im Plastiksack auf den Bankschalter legen. Geschafft, uns fällt ein Stein vom Herzen, noch nie waren wir so froh so viel Geld loszuwerden.

Wir feiern dies in der Markthalle bei einem Hornado. Beim Betreten des grossen Raumes mit den 15 Essständen, werden wir von ohrenbetäubendem Schreien empfangen und Dutzende von Händen strecken uns kleine, fettige Fleischstücke entgegen. Jede Verkäuferin will uns für sich gewinnen und uns eine Portion von ihrer Sau verkaufen. Überwältigt stehen wir da und schauen auf die endlose Reihe der am Stück gebratenen Schweinekörper... einfach der Wahnsinn! Und es schmeckt ebenso!

Ab hier bitte alle Tierfreunde und Stierkampfgegner beim nächsten Absatz "Riobamba liegt..." weiter lesen!
Untypischerweise findet hier mitten im Juli eine Corrida de toros statt. Am Samstagabend betreten wir gespannt die Tribüne der grossen, runden Arena. Die ca. 300 Zuschauer wirken etwas verloren auf den über 9'000 Sitzplätzen. Sechs Stiere treffen nach einander auf die Toreros, Picadores, Banderilleros und zuletzt auf einen der drei Matadore. Dirigiert wird das Ganze von der Jury auf der Ehrentribüne und ein kleines Polizei-Blasorchester umrahmt den Anlass mit Pasodobles. Zwei der Kämpfe sind energiegeladen, schnell und das Publikum ist lautstark und voller Emotionen mit dabei, unterstützt mit "Olé!"-Rufen oder zeigt Missfallen mit einem gellenden Pfeifkonzert, wir können etwas von der Faszination "Stierkampf" erahnen. Die restlichen Durchgänge sind äusserst blutrünstig, ein langsames Abschlachten des Tieres und die zwei jungen und vermutlich noch unerfahrenen Matadore können "ihre" Stiere erst nach mehreren Anläufen oder gar nicht töten... Wir gehen mit gemischten Gefühlen nach Hause.

Riobamba liegt in der Nähe des höchsten Gipfels von Ecuador, dem Vulkan Chimborazo. Der Berg ruft, wir folgen. Vor uns liegt ein herrlicher Aufstieg, einsam wandern wir durch schwarze Lava und staunen über die vielen filigranen Pflanzen, die in dieser unwirtlichen Gegend wachsen. Nebelschwaden ziehen in hohem Tempo mystisch den Hängen entlang, mitten drin springen scheue Vicuñas davon, und plötzlich reisst der Himmel auf und vor uns erstrahlt der mächtige weisse Gipfel vor dem stahlblauen Himmel. Dieses Wechselspiel wiederholt sich den ganzen Tag. Spätestens beim ersten Refugio auf 4'800 m.ü.M. werden wir aus dieser Zauberwelt herausgerissen, hier befindet sich ein grosser Parkplatz und aus den vielen Autos und Bussen entladen sich Horden von Touristen. Mit der Menschenmenge und der dünnen Luft kämpfend erklimmen wir auch die letzten 200 Höhenmeter bis zum zweiten Refugio, wo wir uns im Schnee eine heisse Schokolade gönnen. Als der grösste Touristenstrom wieder abgezogen ist, kommt ein Gruppe Indígenas in traditionellen Trachten um ihren heiligen Vulkan anzubeten und zelebrieren barfuss im Schnee ein langes Ritual. Und wir steigen vom Wandern beglückt und vom imposanten Chimborazo tief beeindruckt, bei eisigem Wind wieder hinunter.

Und schon wieder reisen wir weiter, mit einem Abstecher in den Amazonas über Macas und Puyo, geht es via Baños nach Quito und unterwegs rekognoszieren wir für die kommenden drei Wochen mit Judith. 

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