23 - Noch mehr Ecuador      Juli - August 2010

Am Dienstag, 27. Juli warten wir früh morgens im Flughafenterminal auf unseren zweiten Besuch in Südamerika, wir sind gespannt und nervös. Alles klappt, Judith landet pünktlich wie eine Schweizer Uhr und wir fahren nach einem Willkommenskaffee und -bier mit dem Taxi in die Altstadt von Quito.

Wir haben ein volles Programm für unseren Gast ausgearbeitet und ein erster Ausflug geht nach Mitad del Mundo, denn wo auf dieser Welt gibt es sonst die Möglichkeit gleichzeitig mit je einem Bein auf der nördlichen und der südlichen Erdhalbkugel zu stehen. In einem grossen Park steht ein schon von weitem sichtbarer Monolith mit Erdkugel und erst als wir davor stehen fällt sie uns auf... die dicke Linie... und endlich sehen wir ihn, orange auf grau: den Äquator!

Anhand neuster Messungen und Technologien (GPS) befindet sich der geologisch richtige Äquator allerdings gut 100 Meter neben dem offiziellen Denkmal. Dies hat sich ein cleverer Grundstückbesitzer zunutze gemacht und ein alternatives und korrekt platziertes Museum eingerichtet. Hier werden mit allerlei witzigen Experimenten die magnetischen Kräfte rund um die magische Linie demonstriert. Zum Beispiel müssen wir auf der besagten Linie mit geschlossenen Augen gehen, es klappt nicht, alle torkeln herum... verhindern die magnetischen Kräfte ein gerades Gehen? Oder Jost schafft es ein Ei aufrecht auf einen Nagel zu stellen, es balanciert zwischen Nord und Süd! Und das grösste Rätsel, dass uns alle immer wieder interessiert, wird hier veranschaulicht: ein Waschbecken wird auf die magnetfreie Linie gestellt und siehe da, das Wasser läuft direkt in den Abfluss, im Gegensatz zur nördlichen Hemisphäre, nur 2 Meter daneben, strudelt das Wasser im Gegenuhrzeigersinn den Gulli hinunter und im Süden natürlich in umgekehrter Richtung. Wir amüsieren uns über die pseudowissenschaftlichen Versuche aus dem "Zauberkasten" des Veranstalters. Ein Besuch lohnt sich auf alle Fälle, zum Einen wegen dem ethnologischen Teil des Museums, u.a. finden wir hier einen Original-Schrumpfkopf mit dazugehöriger Bastelanleitung und zum Anderen wegen der mit aller Liebe gepflegten Gartenanlage.

Und schon stehen wir wieder gespannt und nervös auf dem Flughafen, wir fliegen auf die Galápagos-Inseln! Auf der Isla Baltra angekommen holt uns unsere Reiseführerin Katty ab und bringt uns zum Hafen, wo wir bereits von Blaufusstölpeln, Fregattvögeln, Pelikanen und schwimmenden Robben willkommen geheissen werden. Hell begeistert sind wir von unserem kleinen, aber charmanten Schiff, der "Golondrina I" und wir haben Glück und beziehen die zwei einzigen Kabinen auf dem Oberdeck. Zusammen mit 10 anderen Passagieren werden wir die kommenden 4 Tage von Insel zu Insel hüpfen.

Am Nachmittag sehen wir auf der Isla Santa Cruz die ersten schwarzen Meerechsen und die überall herumkrabbelnden Krebse, die knallrotorange auf der schwarzen Lava leuchten. Beim folgenden Schnorchelgang schwimmen wir plötzlich zwischen Millionen von kleinen Fischen – wir strecken den Kopf aus dem Wasser, denn wo Fische sind da sind auch Fischer - und siehe da, aus der Luft attackieren "uns" plötzlich Tausende von jagenden Tölpeln und Pelikanen, die wie ein Pfeilhagel rund um uns ins Wasser schiessen. Ein faszinierender Schauer läuft uns den Rücken hinunter.

In der Nacht schaukeln wir wieder einmal über den Äquator, dieses Mal zur Isla Genovesa. Ein heisser und ausgiebiger Spaziergang führt uns hautnah an den vielen Nestern der Fregattvögel, Masken- und Rotfusstölpel vorbei und die flauschigen und oft zersauselten Jungen erobern unsere Herzen im Nu. Wieder auf dem Schiff quetschen wir uns von Neuem in den Neoprenanzug und schnorcheln den steilen Felsenwänden entlang zwischen farbig leuchtenden Fischen und fühlen uns wie in einem Aquarium.

Und so wiederholen sich die Exkursionen mit Landausflügen und Schnorchelgängen täglich. Die Eindrücke sind immens, wir haben kaum Zeit sie zu verarbeiten, da jede Insel mit ihrer Vegetation und Tierwelt einfach einzigartig und unglaublich schön ist.

Besonders angetan sind wir vom Schnorcheln, neugierig und voller Freude entdecken wir die für uns unbekannte, wenn auch saukalte, Unterwasserwelt. Ein eindrückliches Erlebnis haben wir ein einer Bucht mit trübem Wasser, bei dem uns wie aus dem Nichts ein grosser Rochen umsegelt und kurz darauf plötzlich ein kleiner Hai vor unserer Nase auftaucht. Etwas erschrocken suchen wir händchenhaltend das sichere Ufer. Und der letzte Schnorchelgang erfüllt all unsere Wünsche: wir beobachten im kristallklaren Wasser die im Sonnenschein glänzenden und glitzernden Seesterne, Meerespflanzen und Fischschwärme, am Grund entdecken wir eine riesige, uralt anmutende und von Algen verwachsene Schildkröte, ein jagender Pinguin nähert sich uns neugierig, mustert uns und verschwindet wieder pfeilschnell und zu guter Letzt umschwimmen uns minutenlang zwei Robben in einem anmutigen Wasserballett.

Ein Höhepunkt auf dem Trocknen ist die Isla Bartolomé. Wir wandern durch eine surreale Vulkanlandschaft und fühlen uns wie auf einem fremden Planeten. Als krönender Abschluss fahren wir mit einem Beiboot durch die Mangroven der "Black Turtle Cove". Im immer dichter werdenden Grün wird der Motor abgestellt, in meditativer Ruhe paddeln wir durchs Geäst und in der absoluten Stille tauchen urgemütlich die Wasserschildkröten auf und holen mit einem tiefen Seufzer Luft, der knorrige Kopf verschwindet wieder langsam im Wasser und sie gleiten lautlos an uns vorbei. So etwas Berührendes haben wir noch nie erlebt und wir sitzen wortlos und mit feuchten Augen da.

Viel zu schnell geht die Zeit vorbei und nach einem kurzen Aufenthalt in Puerto Ayora heisst es Abschied nehmen und wir fliegen wieder zurück nach Quito.

Als nächstes tauschen wir die karge Vulkanlandschaft gegen das satte Grün der Nebelwälder von Mindo und erleben für drei Tage eine völlig andere Welt. Wir schauen den farbigen, schillernden Kolibris bei Naschen von Blütennektar zu und in den hohen Baumwipfeln beobachten wir die Tukane mit ihren knalligen und überdimensionierten Schnäbeln. Um zu den vielen Wasserfällen spazieren zu können, besteigen wir trotz Höhenangst eine offene Transportgondel, die im Eiltempo das 520 Meter lange Stahlseil entlang über die tiefe Schlucht saust.

Aber wir wollen noch höher hinaus und fahren am Wochenende zum Vulkan Cotopaxi. Den steilen Geröllhang zum Refugio erklimmen wir unter erschwerten Bedingungen und kämpfen mit starken, eiskalten Windböen und waagrechtem Schnee- und Eisgestöber. Den Gipfel des Cotopaxis bekommen wir auch auf 4'810 m.ü.M. trotz aller Anstrengung nicht zu Gesicht.

Nach diesem Abenteuer gönnen wir uns einen wohlverdienten Ruhetag in Baños. Die Angst vor einem Ausbruch des Tungurahua hat sich inzwischen gelegt und so füllt sich die Stadt wieder mit Touristen aus Nah und Fern. Vor dem beliebten Thermalbad bildet sich eine fünfzig Meter lange Warteschlange, kein Durchkommen, deshalb widmen wir uns dem "People Watching" und dem vielen Zuckerrohr, das hier in allen Formen und Farben an zig Ständen angeboten wird.

Wer hoch steigt, fällt oft auch tief... und so gehts mit dem Bus 1'000 Meter ins Tal hinunter an den Rand des Amazonasbeckens nach Puyo. Wir logieren etwas abseits des Ortes in einem Hotel mit üppigem Garten und umgeben von dichtem Wald. In dieser Oase wird die Geräuschkulisse von der Natur bestimmt und durch das Gekreische der hier hausenden Papageien und Aras ergänzt.

Um einen kleinen Eindruck vom Regenwald zu bekommen, entscheiden wir uns für "Best of Amazonia" in einem Tag. Auf dem offenen Dachsitzplatz eines Busses - in der Schweiz schlicht undenkbar - fahren wir vom Winde verweht und mit einem fantastischen Panorama zu den verschiedenen Schauplätzen. Wir besuchen eine Pflegestation für verwaiste oder verletzte Affen. Die Tiere leben hier grösstenteils frei, hangeln sich blitzschnell die Bäume hoch und springen akrobatisch von Ast zu Ast. Sie kennen aber auch keine Berührungsängste, im Gegenteil, frech klettern sie an uns hoch und wühlen fröhlich in unseren Haaren.

Zum Amazonas gehört natürlich auch eine Fahrt in einem Einbaum und so gondeln wir den Rio Puyo hinunter und durchqueren dabei noch einige Stromschnellen. Auf einer Aussichtsplattform erhalten wir einen Eindruck der Weite des Regenwaldes. Hier oben bekommen wir Gelegenheit uns im Lianenschwingen zu üben und jagen mit dem Blasrohr erfolgreich einen Balsaholzaffen. Damit wir von bösen Geister beschützt bleiben erhalten wir von unserem Kichwa Guide (sprich: Kitschua Gäid) noch eine fachmännische Gesichtsbemalung aus den zerquetschen Beeren einer Frucht. Am Nachmittag machen wir uns mit Gummistiefeln bewaffnet auf eine Dschungeltour, waten durch Flüsse und Dickicht zu einem paradiesischen Wasserfall. Nicht nur den Schamanen spendet er Energie, auch wir springen hinein, erfrischen uns in dieser kühlen Naturdusche und fühlen uns danach tatsächlich fast 10 Jahre jünger.

Nach einem letzten Tag mit angenehmen, leicht tropischen Temperaturen in Puyo holpern wir in einer Monster-Busfahrt langsam und über viele staubige Umwege in die Anden und erreichen in der Nacht Otavalo. Als Erholung wandern wir am nächsten Morgen einen Höhenweg entlang zum Parque Cóndor. Auch hier geht ein Wunsch in Erfüllung und zum ersten Mal sehen wir einen freifliegenden Kondor wie er, mit seiner unverkennbaren weissen Halskrause, majestätisch über unseren Köpfen seine Runden dreht. Im Park selber werden verwaiste und verletzte Raubvögel und Kondore gehegt und gepflegt und wir besuchen eine der Flugshows, in der die schon genesenen Falken, Milane und Adler in der Luft ihre Künste zeigen.

Vor allem bekannt ist Otavalo für seinen Samstagsmarkt. Von überall her strömen die Verkäufer in ihren Trachten und der ganze Stadtkern verwandelt sich in ein bunten und lebendigen Freiluftmarkt. Neben viel Gemüse, Fleisch, Gewürzen, aber auch Werkzeugen und anderen Alltagsdingen, wird grösstenteils alles nur denkbare Kunsthandwerk angeboten. Die Stände sind voll mit gewobenen Decken, Alpacaschals, Leder- und Stoffgürtel, Hüten, Hängematten, Panflöten, Tonwaren und Keramik, natürlich Ringe, Halsketten und Armbänder, Federkopfschmuck und Traumfänger und vieles mehr... und alles wiederholt sich immer und immer wieder... bis einem ganz sturm wird. Judith kann hier, wie viele andere auch, ohne Probleme die letzten Löcher im Koffer stopfen.

Die intensiven und erlebnisreichen drei Wochen sind nun vorbei und am Montagmorgen stehen wir wieder einmal in aller Frühe im Flughafenterminal, dieses Mal mit nicht so ganz leichten Herzen. Wir müssen uns verabschieden, können aber eine grosse Ladung von unvergesslichen Eindrücken und Erinnerungen mitnehmen.

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