Stundenlang fahren wir durch immer gleich bleibende Steppen, hie und da ein paar Schafe oder Rinder, wir staunen ab dieser schier endlosen Eintönigkeit, auf beiden Strassenseiten begleitet von noch endloseren Zäunen. In Feuerland, auf der letzten Etappe unserer Reise, werden wir unerwartet von grünen Nadelwäldern, ersten Schneegipfeln und dem imposanten Lago Fagnano, in dem sich die ganze Landschaft widerspiegelt, überrascht. Nach ca. 50 Stunden Busfahrt erreichen wir das "Ende der Welt": Ushuaia.
Ushuaia Für einige Tage sind wir hier in einem Appartement untergebracht und freuen uns über die kleine Küche, wo wir uns wieder einmal dem Kochen widmen können. Gleichzeitig geniessen wir die überdurchschnittlich warmen Temperaturen und wandern viel in den nahe gelegenen Wäldern. Hier herrscht eine mystische Stimmung, die Äste sind mit Flechten und Misteln bewachsen und die Stille wird einzig durch ein sanftes Konzert von Quietschen und Knarren der durch den Wind an sich reibenden Baumstämme gebrochen. Durch die starke Schneeschmelze ist der Boden sehr feucht und wir waten durch Pfützen und Schlamm oder hangeln uns an Ästen über die vielen neu entstandenen Bäche. Das Wetter ist immer wieder für einige Kapriolen bereit, so scheint die Sonne während es gleichzeitig regnet, dann pfeift ein bissiger Wind um die Ecken, es beginnt innerhalb weniger Minuten zu hageln und nach kurzer Zeit zeigen sich wieder die warmen Sonnenstrahlen.
Hier erreicht uns aber auch eine weitere traurige Nachricht. Nachdem Ende November die Mutter von Jost gestorben ist, folgte ihr Anfangs Dezember - für uns völlig unerwartet - auch sein Vater. Obwohl wir uns bewusst sind, dass sie ein erfülltes Leben hatten und friedlich einschlafen konnten, ist es für uns ein grosser Schock. Noch ganz in unserer traurigen Gemütsverfassung stossen wir per Zufall an ein Last Minute Angebot, eine Schiffsreise in die Antarktis. Eine halbe Stunde später haben wir uns entschieden und gönnen uns eine Auszeit fernab der Zivilisation.
"Lyubov Orlova" Am 20. Dezember stehen wir mit Sack und Pack am Pier und starten das Abenteuer zum ewigen Schnee und Eis (Reiseroute im Google maps). Für die nächsten 19 Tage ist die "Lyubov Orlova" das Zuhause von uns und weiteren 90 Gästen. Wir lernen viele interessante, sympathische, aber auch sehr spezielle Menschen kennen. Es sind auch einige Schweizer an Bord und zusammen verbringen wir viele unterhaltsame Stunden. Wir treffen auf Mitreisende, die diese Reise schon seit Langem planen und entsprechend vorbereitet und ausgerüstet sind (mehreren Kameras, langen Teleobjektiven, polartauglichen Markenkleidern, themengerechten Büchern, etc.) und bis zu fünfmal mehr bezahlt haben. Wir hingegen springen ohne grosse Ahnung ins kalte Wasser, haben noch auf die Schnelle zwei "wasserresistente" Skianzüge gemietet und müssen uns eingestehen, dass wir bis heute nicht gewusst haben, dass es die Inselgruppe South Georgia gibt, geschweige denn wo sie liegt.
Durch den Beagle Kanal geht's hinaus auf die offene See. Viel Zeit verbringen wir an der Reling, atmen die salzige Luft und halten Ausschau nach möglichen Lebenszeichen. Dazwischen haben wir ein stark geregeltes Leben, jeden Abend finden wir an unserer Kabinentür ein neues Tagesprogramm (Beispiel im MS Word) mit allen wichtigen Terminen, wie Vorträge, Filme, Essenszeiten, etc. Dahinter steht das Quark-Expeditions-Team, eine international bunt zusammengewürfelt Gruppe von Experten in allen möglichen Fachrichtungen, wie Meeresbiologie, Geologie, Ornithologie, Historik, aber auch Gastronomie. Speziell dem letzteren widmen wir uns (leider) ausgiebig: vom reichhaltigen Frühstücksbuffet mit Toast, frischen Brötchen, Käse und Fleisch, verschiedenen Früchten, Müeslis und Flöcklis, Rühr- oder Spiegeleiern mit Speck, Würstchen weissen Bohnen und Rösti, zum Mittagessen mit Salatbuffet, Suppe, Hauptgang mit Fleisch, Fisch oder Vegetarisch und Dessert, dann den Vier-Uhr-Tee mit diversen Torten, Kuchen und Guetzli bis hin zum krönenden Abschluss: ein Nachtessen mit fünf delikaten Gängen!
Damit wir aber sicher und sauber unsere Ziele erreichen, dafür sorgen der Kapitän, Offiziere, Matrosen, Raumpflegerinnen und das Servicepersonal, allesamt mit russischen Wurzeln. Deshalb durften wir jeden Tag ein russisches Wort auswendig lernen, z.B. Hallo! = Zdrastvuitye (mit garantiertem Knopf in unserer Zunge) oder ganz einfach Seemann = Matros.
Falkland Islands Nach einem ganzen Tag auf hoher See ankern wir am frühen Morgen bei West Point Island, eine der 200 Falklandinseln und bereiten uns auf den ersten Landgang vor. Per Lautsprecher werden wir aufgefordert "in ten minutes time" fix und fertig an der Gangway zu stehen. Und so schlüpfen wir in unsere Thermounterwäsche, Skianzug, Gummistiefel, Schwimmweste, Handschuhe und je nach Temperatur kommt auch noch das Andenkäppi (siehe Bericht Lago Titicaca und La Paz) zum Zug. Bei der Reception melden wir uns auf einer Namensliste ab und putzen unsere Stiefel in einem Desinfektionsbad um ja keine Fremdkörper auf die teilweise unberührten Inseln (vor allem South Georgia) zu schleppen. Inzwischen wurden auch die Zodiac (Gummiboote mit Aussenbordmotor für 10 Passagiere) ins Wasser gelassen und wir werden damit mehr oder weniger feucht ans Ufer gebracht.
Nach einer kurzen Wanderung stehen wir völlig überwältigt in nächster Nähe vor einer bunt gemischten Kolonie mit Felsenpinguinen und Albatrossen. Seite an Seite ziehen sie in ihren Nestern liebevoll die flauschigen Jungen auf. Es ist ein Festival von Sinneseindrücken: Gerüche, Töne, Geräusche und Bilder. Und vor allem die Pinguine, mit ihrer lustigen Frisur und der ungestümen Art über die Felsen zu hüpfen, gewinnen sofort unser Herz. Apropos Sinneseindrücke, es ist unglaublich was die Tiere für einen Krach machen können und was die Gerüche angeht, ein intensiver Gestank kitzelt unsere Nase...
Beim Rückweg ins Schiff durchlaufen wir dieselbe Prozedur wie oben beschrieben, bzw. einfach umgekehrt. Leider kommt bei uns manchmal noch das Aufhängen der klatschnassen Kleidung hinzu.
Am Nachmittag landen wir auf Saunders Island und die Erlebnisse vom Morgen werden nochmals gesteigert. An einem langen und breiten Strand brüten auf vielen Sandhügeln hunderte von Eselspinguinen. Der nahe gelegene Hang ist bis weit hinauf voll von Erdhöhlen, darin bauen die Magellan-Pinguine ihre Nester. Am flachen Ufer beobachten wir zum ersten Mal völlig fasziniert wie die Pinguine über den Sand watscheln, mit einem Kopfsprung ins Meer springen und pfeilschnell wegtauchen. In den Klippen beobachten wir Felsenpinguine, sie hingegen springen aufrecht und wagemutig von den Felskanten in die Fluten. Manch einer traut sich aber doch nicht so richtig, zögert, rutscht aus und fällt kopfüber ins Wasser. Diesem drolligen Treiben könnten wir stundenlang zusehen. Wenn wir eine Weile ganz still sitzen, inspiziert uns manchmal ein Pinguin, nähert sich ganz frech bis auf Armlänge und studiert uns neugierig von Kopf bis Fuss.
Natürlich besuchen wir auch den Hauptort der Falkland Islands und verbringen einen Morgen in Port Stanley. Da es hier doch sehr "very British" zu- und hergeht (Achtung: Linksverkehr!) können wir es nicht lassen, kehren in einem Original British Pub ein, geniessen ein Lager und ein Guinness, dazu gibt es Fish and Chips und jede Menge herzlichen und rabenschwarzen Humor von den lokalen Gestalten an der Bar.
Über die Festtage sind wir 3.5 Tage auf See und das Schiff wird auf Weihnachten getrimmt. Am Heiligabend ist Bescherung und wir bekommen überraschenderweise ein Geschenk: Einen richtigen Sturm! Der Himmel wird dunkler, der Wind stärker und die Wellen höher. Drei Decks über der Wasserlinie halten wir uns an der Reling, geschützt hinter Glasscheiben, schauen in tiefe Wellentäler und immer wieder schlägt eine Riesenwoge mit viel Gischt und Krach vor uns ins Fenster. Aus der Küche hören wir Scheppern und Klirren, Fluchen und Lachen, Stühle kippen um, die Küchengeräte reisst es aus den Verankerungen, Flaschen fliegen aus den Gestellen und die schön angerichteten Teller liegen am Boden. Kurzerhand wird das Nachtessen in die Kabinen verlegt und in einem Plastikteller ein 1-gängiges Notmenü serviert. Da es am folgenden Tag weiter stürmt, muss das Weihnachtsdinner auf den 26. Dezember verschoben werden. Nach zwei langen Nächten haben alle den Sturm überlebt, allerdings brauchten 23 Gäste die Hilfe von unserem Schiffsdoktor Dani und eine Patientin hat sich sogar die Rippen gebrochen. Über das Ganze gesehen erlebten wir eine sehr bewegte Weihnachtszeit mit über 6m hohen Wellen, einem Schiffsneigungswinkel von 38° und einer Windstärke von 9-10.
South Georgia In South Georgia, einem praktisch unberührten Öko-Paradies, bleiben wir ein paar Tage und können alle acht geplanten Landgänge durchführen. Neben all den uns bereits bekannten Pinguinen, treffen wir in Gold Harbour auf eine gigantische Kolonie mit 50'000 Königspinguinen und ihren Jungen jeglichen Alters. Einige stolzieren in Gruppen am Strand, Pärchen turteln und liebkosen sich, Junge schreien nach Essen, alles auf minimalstem Platz, eng aufeinander. In den steilen, unzugänglichen Klippen der Cooper Bay leben die Goldschopfpinguine, diese Kolonien besuchen wir mit den Zodiac vom Wasser her. Wie ihr Name schon verrät, haben sie eine tollkühne Frisur und sind somit für die Felsenpinguine eine starke Konkurrenz. Daneben können wir ein paar der eleganten und "immer lächelnden" Zügel- oder Kehlstreifenpinguine beobachten.
Zusätzlich werden unsere Tierbeobachtungen mit neuen Spezies bereichert: den antarktischen Pelzrobben und Südlichen See-Elefanten. Als erstes fällt uns sofort auf, dass die Duftwolke eine neue Dimension erreicht, es stinkt einfach bestialisch zum Himmel. Dies kommt nicht von ungefähr, die See-Elefanten liegen meist faul herum und als einziges Lebenszeichen rülpsen und furzen sie hemmungslos und ausgiebig. Dabei schauen sie uns unschuldig mit ihren grossen und treuen Augen an, wie wenn nichts geschehen wäre. Imposant wird es, wenn eines der Tiere Richtung Strand robbt und sich die tonnenschwere Fleischmasse ächzend in Bewegung setzt. Wir hatten das Glück den jungen Männchen bei ihren ersten spielerischen Kämpfen zuschauen zu können. Unglaublich beeindruckend wie sich diese riesigen Kolosse aufbäumen und mit aller Kraft, laut brüllend, aufeinander prallen. Die viel kleineren Pelzrobben hingegen sind schnell und agil. Dies merken wir sofort wenn wir durch ihr Terrain laufen, sie uns laut knurrend die Zähne zeigen und uns angreifen. Jetzt heisst es schnellstmöglich und diskret abhauen.
Am 28. Dezember landen wir in Grytviken. Als erstes ist es Pflicht und Ehre am Grab von Sir Ernest Shackleton mit einem Glas Rum auf diese Seefahrerlegende anzustossen. Seine Heldentaten begleiten uns immer während der ganzen Reise und sind in Filmen, Vorträgen und in einem nach ihm benannten Drink an der Bar präsent. Vielleicht hat jemand Lust die Geschichte seiner Endurance-Expedition (1914-1917) und die Rettung seiner Mannschaft auf Elephant Island in einer ruhigen Minute nachzulesen (z.B. Wikipedia).
Neben dem Friedhof befindet sich eine der ausgedienten Walfangstationen. Sie war von 1904-1962 in Betrieb und während der Sommersaison arbeiteten über 300 Personen in Grytviken. In dieser Zeit wurden alleine hier über 54'000 Wale geschlachtet, an einem einzigen Tag bis zu 25 Wale. Die vor sich hinrostenden Riesenkochtöpfe und Walöl-Tanks sind eindrückliche Zeugen und lässt uns das Ausmass der Wal-Industrie bewusst werden.
Antarktis Nun verlassen wir das britische Hoheitsgebiet und fahren in die Antarktis. Die Überfahrt ist einiges ruhiger, so haben wir Musse und Zeit, stundenlang nach Walen Ausschau zu halten und tatsächlich sehen wir immer wieder die markanten Wasserfontänen in die Höhe schiessen. Ab und zu taucht der mächtige Rücken eines Finn-Wals auf, mit viel Glück sehen wir die riesige Schwanzflosse eines Buckelwals im Wasser verschwinden oder wir entdecken in der Ferne ein paar Orcas mit ihren typischen weissen Flecken. Während der ganzen Zeit werden wir von Vögeln aller Art begleitet, Albatrosse, Sturmvögel, etc. Und langsam aber sicher erscheint noch eine neue Spezies am Horizont, die ersten Eisberge. Bald sind wir von ihnen umzingelt, es wird immer schwieriger eine Durchfahrt zu finden und so können wir unser Ziel, die South Orkney Islands, nicht anlaufen. Dafür werden wir vom Kapitän mit einer Kreuz- und Querfahrt durch die Welt der Eisberge entschädigt. Die folgenden Stunden erleben wir wie im Märchen, weiss glitzernde und blau schimmernde Skulpturen in allen möglichen Formen und Grössen ziehen an uns vorbei. Begeistert bestaunen wir die gewaltigen in der Sonne leuchtenden Burgen und Schlösser, aber auch unendlich lange, rechtwinklige Eisplatten und winzig kleine, filigrane Phantasiegebilde. Ab und zu räkelt sich eine Robbe oder es ruht ein einsamer Pinguin auf einer Eisscholle, auf grösseren Stücken versammeln sich ganze Sippen.
Mit dem neuen Jahr erreichen wir auch einen neuen Kontinent und landen am 2. Januar in Brown Bluff auf der antarktischen Halbinsel. Wir hätten nie zu träumen gewagt, diesen Teil der Erde jemals zu betreten und trotz eisiger Kälte läuft es uns heiss den Rücken hinunter. Dunkle, kantige Lavafelsen, mächtige Gletscher und Schneefelder umgeben uns. Am Strand tummeln sich die kleinen und äusserst scheuen Adéliepinguine, aufgeregt suchen sie sich einen Weg durch die Eisstücke in das kalte Wasser. Schon nach wenigen Stunden müssen wir vom Festland Antarktis wieder Abschied nehmen und fahren weiter.
Auf den South Shetland Islands machen wir wieder 4 Landungen und treffen allerlei Pinguine und Robben an. Am meisten freuen wir uns aber auf Deception Island, ein teilweise vom Meer überfluteter Kraterring. Am frühen morgen steuert der Kapitän unser Schiff durch die schmale Einfahrt in die Caldera des noch aktiven Vulkans. Wir spazieren den langen, schwarzen Strand entlang, vorbei an Walfangüberresten und geniessen die bizarre Landschaft. Nun schlägt das Nieselwetter um und ein bissiger Wind peitscht uns den Schnee waagrecht ins Gesicht. Fest eingepackt freuen wir uns, etwas von der Wucht des antarktischen Wetters zu spüren. Obwohl im Moment die heissen Quellen versiegt sind, trauen sich einige unserer Mitreisenden trotz Kälte und Schneegestöber wagemutig ins eisige Wasser... für einmal verzichten wir grosszügig. Zurück auf der "Lyubov Orlova" werden unsere durchfrorenen Körper mit einer heissen Schokolade und einem Schuss Rum verwöhnt.
Eine letzte vernebelte und eisige Zodiac-Landung in Yankee Harbour, ein letztes Mal dürfen wir den fürchterlichen Gestank einatmen, über den verschissenen Strand waten und am uns liebgewordenen Pinguin-Alltag teilnehmen... und dann geht es definitiv an Bord. Zum Abschied werden wir auf der Drake-Passage noch einmal so richtig durchgeschüttelt.
Diese Reise übertraf all unsere Erwartungen, wir erlebten in den vergangenen 19 Tagen viele intensive und schlichtweg unbeschreibliche Momente. Unsere Eltern und Schwiegereltern waren oft mit dabei und hätten sicher ihre helle Freude daran gehabt.