Die wirklich sommerlichen Temperaturen und den Strand dazu finden wir in Atlántida, einem Küstenstädtchen in Uruguay. Bei feuchten 40 Grad suchen wir einen ganzen Nachmittag lang ein freies Zimmer, eine neue Version von Mission Impossible. Völlig erledigt und durchnässt bekommen wir im ehemaligen Nobelhotel Rex, direkt am Strand, das letzte "Zimmer" für ganze 75 US$. Noch nie haben wir sooo viel für sooo wenig bezahlt, sogar der Receptionistin ist es etwas peinlich.
Bald wird klar, es ist Carneval und das verlängerte Wochenende wird von Gross und Klein für einen Ausflug ans Meer genutzt. Der Carneval besteht hauptsächlich aus rumhängen am Tag und festen in der Nacht. Der Höhepunkt ist die Wahl der Reina de Carneval. Am Strand wird eine pompöse Bühne mit faltenreichen Vorhängen, Kronleuchtern und Plüschsofa aufgebaut und am Montagabend ist es soweit, pünktlich beginnt die ohrenbetäubende Musik und mit eineinhalb Stunden Verspätung auch die Show. Mit Glimmer, Glanz und Gloria und vielen Tanzeinlagen kämpfen 21 junge Damen um drei Königinnentitel: Reina de Samba, Reina de Carneval und Reina de Llamadas. Das Publikum macht euphorisch mit, um Mitternacht werden die frischgekürten Reinas bejubelt und Sekunden später leert sich die Zuschauertribüne und der Spuck ist nullkommaplötzlich vorbei.
In der Immobilienbranche gibt es wieder freien Raum und so kommen wir zu einem Ferienhäuschen für die nächsten 10 Tage und können wieder einmal unserem geliebten Hobby Kochen frönen. Tagsüber geniessen wir in unseren frisch erstandenen Liegestühlen das Strandleben, zu unserem grossen Vergnügen inmitten von Einheimischen und argentinischen Touristen. Wir fallen vermutlich auf, da uns hier etwas sehr traditionelles und schon fast lebensnotweniges fehlt: eine unter den Oberarm geklemmte Thermosflasche mit heissem Wasser und in der Hand einen Mate, eine Kalebasse mit Bombilla (Metallröhrchen, meist aus Silber) und gefüllt mit dem Teekraut Yerba-Mate (siehe auch: Wikipedia oder Uruguay Magazin). Egal ob man sich sonnt, durch die Strassen spaziert, auf den Bus wartet oder am Einkaufen ist, diese Utensilien sind immer dabei und werden rege genutzt.
An einem trüben Tag machen wir einen Ausflug nach Punta del Este. Auch wir möchten, wenn auch nur für ein paar Stunden, in das Schickimicki Leben des berühmten Badeortes eintauchen. Aber nach den vielen und hohen Hotelbunkern, luxuriösen Villen, McDonald's und Burger Kings kehren wir wieder überglücklich ins eher familiäre Atlántida zurück. Das trübe Wetter hat sich verschlimmbessert, wir werden von heftigen Sturmböen und orkanartigen Regengüssen erwartet. So etwas haben wir noch nie erlebt und wir fliehen pflotschnass vom Bus in die nächste Tankstelle. Nach einer Stunde wagen wir den Heimweg und waten durch die überschwemmten Strassen voller abgerissener Äste. Alles was nicht niet- und nagelfest war liegt nun wild herum. Abends werden wir noch von einem Stromausfall heimgesucht der uns zum Kochen mit Stirnlampe zwingt, dafür mit einem romantischen Dinner bei Kerzenlicht beglückt.
Das letzte Wochenende unserer "Sommerferien" verbringen wir in der Hauptstadt Montevideo. Auf den ersten Blick erscheint uns diese Stadt grau und trist, aber nach einigen Spaziergängen entdecken wir viele Ecken mit lebhaften Quartierstrassen, gemütlichen Cafés, bunten Märkten und ehrwürdigen und verkommenen Kolonialhäusern. Dies alles gibt dieser Stadt einen besonderen Charme und für uns wird es Liebe auf den zweiten Blick. Abends beobachten wir, wie die ärmere Bevölkerungsschicht mit einfachen Pferdewagen von Abfallhaufen zu Abfallhaufen und von Geschäft zu Geschäft fährt und Karton, Pet oder Glas einsammelt, eine hier übliche Art der Abfalltrennung. Der übrig gebliebene Rest wird von der städtischen Müllabfuhr entsorgt.
Mit einem riesigen Fähren-Katamaran fahren wir über die breite Mündung des Rio Plata nach Buenos Aires zurück. Hier bleiben wir ein paar Tage um bei der Einfahrt der Grandes Veleros dabei zu sein. Als wir morgens in den Hafen kommen, sind allerdings die meisten Segelschiffe schon am Quai vertäut. Aber wir haben doch noch Glück und sehen am Horizont einen Windjammer aufkreuzen. Bei der Einfahrt in den Hafen stehen weibliche und männliche Matrosen bis zuoberst auf allen Rahen (Quermasten) und singen ein Seemannslied während sie mit Böllerschüssen, viel Applaus und Winken empfangen werden. Dies ist ein sehr emotioneller Moment, trotz brütender Hitze läuft es uns kalt den Rücken hinunter.
Auf dem Weg in den Norden machen wir Halt in Puerto Iguazú. Hier treffen wir unseren Schwager und Bruder Ernst der aus dem nahen Paraguay gekommen ist. Wir geniessen die kurze Mini-Familienzusammenkunft, aber natürlich auch die mächtigen Cataratas del Iguazú. Wir sahen ja schon viel Wasser den Rhein hinunterlaufen, aber diese Wassermengen verschlagen uns den Atem. Von ganz nah und somit ganz feucht, beobachten wir fasziniert die Szenerie von kleinen verspielten Kaskaden bis hin zu reissenden und tosenden Wasserfällen. Am folgenden Tag wechseln wir die Seite und begutachten das Ganze aus brasilianischer Sicht. Hier sind wir zwar meist auf sicherer und somit trockener Entfernung, dafür ist das Panorama auf die Cataratas do Iguaçu umso spektakulärer. Eindrücklich ist auf beiden Seiten das üppige Grün des Regenwaldes und die grosse Tiervielfalt. Z.B. flattern Schmetterlinge um unsere Köpfe, Schildkröten strecken ihre Hälse aus dem Wasser und freche Waschbären suchen sich inmitten der Touristen liegen gebliebene Leckerbissen.
So gibt es auch nach über einem Jahr auf Reisen immer wieder neue Überraschungen und viele Eindrücke die uns begeistern und unser Herz höher schlagen lassen. Was bei dieser Hitze allerdings rasch gefährlich werden könnte :-)