Stundenlang fahren wir durch immer gleich bleibende Steppen, hie und da ein paar Schafe oder Rinder, wir staunen ab dieser schier endlosen Eintönigkeit, auf beiden Strassenseiten begleitet von noch endloseren Zäunen. Dieses Sätzchen kommt unseren treuen Leserinnen und Lesern sicher bekannt vor, hat aber auch seine Gültigkeit auf der Reise von Ushuaia nach Chile und weiter entlang der berühmt-berüchtigten, argentinischen RN40 im Westen von Patagonien. Eine erfreuliche Abwechslung ist das Überqueren der Magellanstrasse mit den vielen schwarzweissen Commerson-Delfinen die nahe um die Fähre schwimmen und spielerisch aus dem Wasser springen.
Wir haben die vielen guten Ratschläge zu Herzen genommen und reservieren zum ersten Mal auf unserer Reise die Hostals zum Voraus. Dies bedeutet weniger Spontaneität, etwas Aufwand und Organisation, wie das Nachlesen in Reiseführern und Suchen im Internet nach zahlbaren Unterkünften, mehrere Telefonanrufe da oft schon alles ausgebucht ist und das Gefundene per Mail bestätigen. Aber es lohnt sich!
Puerto Natales Unser erstes Ziel ist Puerto Natales. Frisch angekommen möchten wir die zwei reservierten Nächte verlängern, aber es geht schon nicht mehr... alles ist ausgebucht. So entscheiden wir uns ruckzuck zackzack für Wanderferien im Nationalpark Torres del Paine und buchen 4 Nächte in verschiedenen Refugios, wenn auch ziemlich misstrauisch, da es wie aus Kübeln giesst. Ganz nach dem Motto "Im Minimum än Gummi drum" kaufen wir uns zwei silbrige Plastiküberzüge für unsere "im Trockenen bleiben wollenden" Rucksäcke. Auf uns selber nehmen wir weniger Rücksicht, die alte Regenjacke von Migros und unsere Jeans müssen reichen.
Am nächsten Morgen blinzelt ein Sonnenstrahl durch die Vorhänge, erstaunt und überglücklich stellen wir fest, dass unsere miserable Kleidersituation offensichtlich auch von hoch oben erkannt wurde. Per Bus fahren wir in den Park und werden bei herrlichem Wetter von den mächtigen Torres empfangen. Am Nachmittag wandern wir uns am kitschig türkisen Lago Pehoé ein, das Bergpanorama ist überwältigend, wir können uns kaum satt sehen. Seit langem hören wir wieder Insekten um uns schwirren und Schmetterlinge flattern von Blume zu Blume.
Nach einem tiefen Schlaf kommt das grausige Erwachen: ein hinterhältiger, gemeiner, schmieriger und gewissenloser Bösewicht hat Sandras Wanderschuhe, und die von vier weiteren Gästen, gestohlen. Josts ausgelatschte Joggingschuhe wurden aus unerklärlichen Gründen verschont... Die Bestohlenen fahren wieder nach Puerto Natales zurück, um sich neue Schuhe zu kaufen. Sandra hat glücklicherweise noch alte Turnschuhe dabei, somit ist unsere miserable Wanderausrüstung perfekt und wir marschieren los. Den ersten grossen Testlauf entlang des Lago Grey zum gleichnamigen Gletscher und zurück bestehen wir mit Bravour und sitzen nach 7 Stunden wohlbehalten beim Feierabendbier. Unterhalten werden wir dabei von einer Gänsefamilie, die sich jeden Abend am Eingang des Refugios stolz präsentiert und die vielen Fotoshootings der eintreffenden Wanderer offensichtlich sehr geniesst.
Am folgenden Tag schlägt das Wetter um, nach den ersten 100 Metern beginnt es zu nieseln und schon bald peitschen sturmartige Regenböen in unsere Gesichter. Völlig durchnässt (ausser unseren gut geschützten Rucksäcken mit Ersatzkleidung!) erreichen wir am Nachmittag das Refugio Los Cuernos und können bei nun plötzlich sonnigem, aber immer noch sehr windigem Wetter unsere Kleider trocknen. Aus Platzmangel in der Berghütte beziehen wir ein eigenes Cabaña, eine Art Mikro-Chalet. Aus unseren sicheren vier Wänden beobachten wir, wie der orkanartige Wind riesige Gischtwolken vom See aufwirbelt und zu uns und in die Felswände hinaufschleudert. Zu unserem grossen Erstaunen stoppt sogar ein Wasserfall und beginnt plötzlich hinauf zu fliessen. Wir bewundern die vielen Hartgesottenen, die unter diesen widrigen Umständen ihre Zelte aufzustellen versuchen.
Nach dem vielen Rumsitzen war es eine Wohltat wieder einmal richtig die Beine zu vertreten und den Kopf durchzulüften. Wir erreichen nach 5 Wandertagen gesund und munter unser Ziel und fahren wieder zurück in die Stadt.
El Calafate Da wir langsam aber sicher Richtung Norden reisen wollen, bietet sich El Calafate als nächste Station an. Entgegen unserer Vorstellung liegt dieses Städtchen in einer kargen und staubigen Wüstengegend am Lago Argentino. Das Zentrum "überrascht" uns mit vielen Holzhäusern in einer Art Chalet-Stil und kommt uns vor wie eine Nachahmung von Klosters. Wir geniessen die vielen Strassencafés, tanken etwas Sonnenschein und betreiben intensives Touri-Watching. Hier reihen sich Souvenirläden an Restaurants, Hotels und Bars und wir hören ausser Spanisch fast alle Sprachen. Und das nur dank einem einzigen Objekt der Begierde, dem berühmtesten Gletscher der Welt: Perito Moreno!
Auch wir dürfen uns das Spektakel nicht entgehen lassen und fahren mit einem der hundert Busse die 80km lange Strecke bis zum Gletscher. Und obwohl wir nun schon viele dieser weissblauen Riesen gesehen haben, beeindruckt er uns besonders. Zum einen kamen wir noch nie so nahe an eine solch mächtige 50-60m hohe Eiswand heran und zum anderen hören wir zum ersten Mal das urtümliche Knirschen und Knacken, erzeugt durch die gewaltigen Spannungen in den gefrorenen Wassermassen. Der Höhepunkt ist das Kalben des Gletschers, mit etwas Glück beobachten wir wie ein Stück abbricht und unter mächtigem Getöse ins kalte Wasser fällt. Ebenfalls beeindruckend ist die gegenüber in den Hügel gebaute Fussgängeranlage von kilometerlangen Wegen und Treppen aus Gitterrosten und Holzgeländern, die die unendlichen Ströme von Touristen von einem Aussichtspunkt zum andern leiten.
El Chaltén Wir wollen wieder etwas Bewegung und nach einer weiteren staubigen Fahrt kommen wir im kleinen Wanderparadies El Chaltén an. Das Wetter hält sich auch hier dezent in Grenzen und so laufen wir meist im Nieselregen oder sogar im vom Winde verwehten waagrechten Schneegestöber. Manchmal reisst der Himmel auf, aber trotz Sonnenschein bleibt uns der langersehnte Blick auf den legendären Fitz Roy vergönnt, da sich dieser Fels immer nobel mit Wolken verhüllt. Nach drei trotzdem schönen Wandertagen werden wir mit einem letzten Blick aus dem Busfenster auf den frisch verschneiten Fitz Roy belohnt.
Los Antiguos Nach all der Kälte und Nässe freuen wir uns irrsinnig auf das milde Mikroklima von Los Antiguos. Dieses Dorf verschwindet in Unmengen von Pappel-Alleen, Kirschbäumen und blühenden Rosensträuchern. Bei diesem kurzen Aufenthalt geniessen wir das Faulenzen und Lesen in der warmen Sonne mit Blick auf den blauen Lago Buenos Aires. Aber Patagonien bleibt auch hier Patagonien und schon bald ziehen Wolken auf, der Wind bläst uns um die Ohren und es ist Zeit weiter zu reisen.
San Carlos de Bariloche Obwohl wir jetzt schon mehr als 2'500km in den Norden gefahren sind, will es einfach nicht wärmer werden. Auch in San Carlos de Bariloche erwartet uns trübes Wetter, viel Regen, natürlich starker Wind und es ist einfach saukalt. Selbst die Einwohner von Bariloche sind verzweifelt über den misslungenen Sommer. So verbringen wir viel Zeit drinnen mit Lesen, Schreiben und Kreuzworträtsel lösen.
Die zwei einzigen einigermassen trockenen Tage nutzen wir für Wanderungen in der nahen Umgebung. Die lange Schlange am Sessellift des Cerro Campanario umgehen wir und erklimmen per Pedes den steilen Gipfel mit einer der schönsten Aussichten der Welt... wie hier gemunkelt wird. Der Ausblick auf die verschlungene Seenlandschaft mit den vielen Inseln und Halbinseln ist wirklich sehr schön, trotzdem wirkt für uns diese Aussage wie eines der vielen bekannten argentinischen Superlative. Wieder unten angekommen wandern wir durch einen saftiggrünen Wald mit riesigen Bäumen, dichtem Bambusgestrüpp und vorbei an vielen Lagunen landen wir mit müden Beinen an einem skurrilen Ort, der Colonia Suiza. Eingewanderte Walliser leben hier vom Verkauf von selbst hergestellten Schweizer Bier und Schokolade, im Heidi-Restaurant wird Käsefondue serviert und an jedem "Chalet" hängen Kantons- und Schweizerwappen. Nach so langer Zeit in der Ferne die "eigene Heimat" anzuschauen ist eigenartig, aber amüsiert uns sehr. Da innert nützlicher Frist kein Bus fährt, entschliessen wir uns für Autostopp und erleben so einmal mehr die hier übliche Gastfreundschaft. Pablo und sein Sohn Felipe nehmen uns mit, ändern spontan ihre Route und fahren extra für uns ins 30km entfernte Bariloche. Als Dank laden wir die beiden auf ein Bier ein, aber Pablo kommt uns zuvor, bezahlt die Zeche und lädt uns zusätzlich noch für ein Wochenende in sein gemietetes Ferienhäuschen ein. Dies lehnen wir jedoch freundlich ab, da wir unser einjähriges Reisejubiläum feiern.
Bariloche ist ein "krönender" Abschluss für unseren Aufenthalt in Patagonien und toppt in Sachen Tourismus alles bisher erlebte. Der Hauptplatz ist im mittelalterlichen Stil gebaut, umgeben von wuchtigen Steinhäusern mit auf Hochglanz lackierten Holzbalkonen. Hier lassen sich Touristen mit importierten Bernhardinern, inklusive dem obligatorischen Fässchen, fotografieren oder kaufen einen der in jedem Laden ausgestellten Stoff-Barris. Die Umgebung ist voll mit riesigen, klotzig holzigen Hotelanlagen, sogar die Kioske und Telefonkabinen sind aus Holzstämmen gebaut. Kein Aufwand wird gescheut, Hauptsache es gleicht einem Chalet.
Patagonien hat uns mit einigen schönen Gegenden überrascht, vor allem die Nationalparks mit den gewaltigen Felsmassiven haben uns sehr imponiert. Aber der Wermutstropfen waren die langen Reisen durch einsame und öde Wüsten und der Aufenthalt in "künstlichen" und luxuriösen Touristenorten... allerdings waren wir ausgerechnet in der absoluten Hochsaison hier und hatten vielleicht auch zu hohe Erwartungen an das viel gerühmte Patagonien. Wie auch immer, wir haben hier nun genug gesehen und erlebt und suchen für die kommende Zeit einen Strand mit wirklich sommerlichen Temperaturen.