27 - CMA CGM Platon      Dezember 2010

Wir "müssen" nach Trinidad und Tobago, da uns dort wieder einmal ein Schiff für unsere Weiterreise erwartet. Die schnellste Verbindung fliegt uns von Cartagena über Panama nach Port-of-Spain. Aus luftiger Höhe erblicken wir noch einmal die Küste von Capurganá und Sapzurro, sehnsüchtig schauen wir hinunter und zurück auf die wunderbare Zeit am Strand und ein bisschen später sehen wir aber auch das Ausmass der Überschwemmungen im Norden Kolumbiens, kilometerweit nur braunes Nass anstelle von grünen Feldern.

In Trinidad erwartet uns eine andere Welt, nichts kommt uns mehr Spanisch vor und hier wird eine Art Englisch gesprochen an die wir uns in der kurzen Zeit nicht wirklich gewöhnen können. Port-of-Spain ist voller KFC, McDonald's, Wendy's, Burger King, etc... wir erleben unseren ersten Kulturschock. In einem etwas abgelegenen Guesthouse, tja so heisst es hier :-) bekommen wir ein grosses Zimmer mit kleiner Küche und schöner Aussicht auf ein bewaldetes Tal. Wir schreiben die Karibikberichte, gehen im Hi-Lo (kommt vermutlich von High Quality und Low Price) einkaufen und verwöhnen uns wieder einmal mit Selbstgekochtem.

Bei einem der Stadtspaziergänge in Port-of-Spain geraten wir in einen farbenfrohen Umzug, ein erster Auftakt zum Carnival 2011. In tropischer Hitze wird in voller Indianermontur und unter dicken Fellen getanzt, die Steelbands spielen auf und sogar Geisseln werden in "original Innerschweizer" Manier geklöpft.

Die letzte Nacht verbringen wir direkt am Hafen im Hotel Hyatt Regency - man gönnt sich ja sonst nichts - und verfolgen im Internet wie unser Schiff die letzte Kurve um die Insel nimmt und beobachten einige Minuten später die Einfahrt der "CMA CGM Platon" direkt mit dem Fernglas. Am folgenden Tag stehen wir, wie schon vor knapp zwei Jahren, wieder in einem Containerterminal und fühlen uns ganz klein vor "unserem" riesigen Dampfer. Die Mannschaft begrüsst uns sehr herzlich und wir werden in den Stock "F", direkt unter der Brücke, hinauf geführt. Wir beziehen die grosszügige Eignerkabine mit Doppelbett, WC/Dusche, Schreibpult, Sofa und drei Fenstern nach Steuerbord. Zur Offiziersmesse geht es über steile Treppen vier Etagen hinunter (dies ist 3 x täglich unser einziges Fitnessprogramm). In der Küche zaubert der immer fröhliche Chief Cook Melvin und die köstlichen Gerichte werden von Stewart Ceasar gekonnt und charmant aufgetischt. Da das Schiff einer französischen Reederei gehört, wird uns zu unserer Begeisterung bei jedem Nachtessen eine Flasche Bordeaux serviert und zum Abschluss gibt es immer ein kleines, aber feines Käseplättchen.

Aber eigentlich sind wir ja wegen der fantastischen Reiseroute der "CMA CGM Platon" hier. Als erstes erreichen wir Französisch-Guayana. Der Hafen von Degrad des Cannes ist nur bei hoher Flut über eine Flussmündung erreichbar. Daher ankern wir früh morgens weit ausserhalb und warten den ganzen Tag auf den grossen Moment. Um 18:00 Uhr ist es soweit, wir stehen auf der Brücke, der Lotse kommt an Bord und übernimmt das Kommando. Vor uns liegt eine 11km lange, schnurgerade Strecke, rot-grün beleuchtet, sieht aus wie eine Flugzeuglandepiste, einfach nur feuchter. Fast eine Stunde tuckern wir mit ca. 8 Knoten Richtung Hafen, alle schauen gebannt auf den Tiefenmesser, der die Distanz vom Kiel zum Grund anzeigt... 3.5m, 4m, 1.5m, 2m, 0.9m, reicht es? Es ist spannend wie in einem Krimi. Die gewaltige Wasserverdrängung des Kahns ist so gross, dass sich am Heck breite Wellen bilden, sie werden immer schneller und beginnen das Schiff langsam aber sicher zu überholen, ein ganz besonderes Schauspiel.

Uns erwartet ein winziger Hafen, die Länge des Piers reicht knapp für unser Schiff, auf dem Gelände befinden sich nur einige Hundert Container und weit und breit ist kein Ladekran zu sehen. Erstaunlicherweise sind auch keine Arbeiter vor Ort, denn im Gegensatz zu den sonst üblichen 24-Arbeitsstunden gibt es hier nur eine Tagesschicht. Am Freitagnachmittag findet noch eine nicht eingeplante Beerdigung statt, in dieser Zeit läuft erst recht nichts! Somit wird auch uns klar wieso wir hier ganze vier Tage verbringen.

Wir geniessen diesen langen Aufenthalt und fahren mit dem Taxi in die Hauptstadt Cayenne. Es ist äussert seltsam: überall europäische Autoschilder, die Verkehrszeichen und Wegweiser kommen uns bekannt vor, in regelmässigen Abständen passieren wir einen riesigen Kreisel... wenn wir nicht wüssten wo wir sind, dann würden wir auf Frankreich tippen. In einem Bistro trinken wir ein 1664 und ein belgisches Hoegaarden vom Fass :-) Einzig die tropischen Temperaturen und die nahen Hügel mit dichtem Regenwald beweisen uns, dass wir uns noch in Südamerika befinden.

Am nächsten Tag machen wir einen Ausflug auf die Îles du Salut. Die drei Inseln Île Royale, Île Saint-Joseph und Île du Diable liegen traumhaft und mit Palmen überwachsen vor der Küste von Kourou. Hier war bis Anfang der 50er Jahre eines der gefürchtetsten Gefangenenlager der Franzosen, wer hier wieder lebend rauskam hatte mehr als Glück. Berühmt berüchtigt wurde dieser Ort durch den Roman Papillon von Henri Charrière und die skandalumwitterte Dreyfus-Affäre. Heute zeugen nur noch ein kleines Museum und einige von üppigen Pflanzen überwucherte Ruinen von dieser Zeit. Die Inseln sind ein beliebtes Ziel für Wochenendausflüge und die schön renovierten Wärterhäuschen bieten in Anbetracht ihrer Vergangenheit eine Übernachtungsmöglichkeit der besonderen Art.

In Kourou selber liegt der europäische Weltraumbahnhof von dem in regelmässigen Abständen die Ariane-Raketen starten. Leider ist bei unserer Anwesenheit kein Abschuss vorgesehen, wir verschieben den Besuch auf eine nächste Reise. Unser Ersatzprogramm ist das Zuschauen beim Laden und Entladen der Container mit den schiffseigenen Kranen. 2-3 Personen versuchen den an einem Stahlseil baumelnden 30 tonnenschweren und vom Winde verwehten Metallkasten auf einen wartenden Lastwagen zu laden, ein schwieriges und langwieriges Unterfangen. Ist es endlich soweit, wird mit einer Leiter auf den Container geklettert und die Halterung manuell entfernt. Umgekehrt ist es nicht minder spektakulär, der Kran versucht mit Hilfe von einigen Arbeitern einen Container am Boden zu ergattern, fliegt ihn auf das Schiff, dort warten wieder 2-3 Leute und versuchen das wild schwingende und schwere Ding an die richtige Stelle zu platzieren. Diese brachiale Handarbeit verbunden mit entsprechender Verspätung erleben wir auch noch in anderen Häfen auf unserer Weiterfahrt.

Bei hoher Flut geht es wieder los, wir verlassen "Frankreich", verbringen die nächsten 48 Stunden auf hoher See und haben nebst toller Aussicht auch viel Zeit zum Lesen. Wieder einmal den Äquator überquerend erreichen wir Brasilien und erleben eine spektakuläre Einfahrt: im Nebel tauchen langsam die gewaltigen Hochhäuser von Belém auf. Jost kommt das Ganze natürlich sehr amazonisch vor und er erhält das erste Mal die Gelegenheit den Stadtführer für Sandra zu spielen.

Tags darauf landen wir in Fortaleza. Nach einem kleinen Stadtspaziergang geniessen wir einen heissen Nachmittag am langen Sandstrand und erfreuen uns mit vielen Brasilianern an kühlem Bier, warmer Sonne und blauem Meer. Am übernächsten Abend laufen wir Natal, den letzten brasilianischen Hafen, an. Die ganze Nacht wird gearbeitet und so ist das Verladen scheinbar schon weit fortgeschritten, sodass uns am nächsten Morgen nur ein kurzer Ausflug in die Stadt gewährt wird. Pünktlich um 10:00 Uhr sind wir zurück, ganz und gar schweizerisch, aber die Arbeiten sind immer noch in vollem Gange und so kommen wir ein weiteres Mal in den Genuss die Hafenarbeiten zu beobachten... um 15:00 Uhr ist dann tatsächlich der letzte Container verstaut. Mittlerweile haben wir alles in allem 3 Tage Verspätung, was uns allerdings wenig kümmert :-) Bald darauf taucht der Lotse auf, die Leinen werden gelöst, das Festland entfernt sich Meter um Meter, wir fahren unter der riesigen Brücke hindurch hinaus aufs offene Meer und werfen eng umschlungen einen letzten sehnsüchtigen Blick zurück auf unser geliebtes Südamerika...

Nun folgen acht kurze Tage auf hoher See. Ab und zu sind wir abends im Aufenthaltsraum der philippinischen Crew zu Gast und singen mit einem Whisky on the Rocks Karaoke, am 25.12. wird auf dem hinteren Deck ein traumhaftes BBQ mit Spanferkel, Tinten- und anderen Fischen à discretion zelebriert und tags darauf nüchtern wir im und am welligen Pool aus. Auf unserem Balkon verschlingen wir unzählige Bücher, verfolgen auf der Brücke die Fahrt der "CMA CGM Platon" mit Fernglas, am Radar und mittels digitalen und echten Seekarten, beobachten die jagenden Tölpel in der Luft die bald von Möwen abgelöst werden, bewundern die eleganten Fliegenden Fische die knapp über dem Wasser weit über die Wellen ziehen, ganz selten sichten wir einen Wal, ab und zu zeigen sich Gruppen von springenden Delfinen und ein paar schlafende Meeresschildkröten treiben an der Wasseroberfläche oder wachen auf und verschwinden elegant im tiefen Blau. Und so erreichen wir schon bald die Küste von Afrika und stehen in kurzen Hosen und ärmellosem Leibchen an der Reling um die Einfahrt in die Strasse von Gibraltar ja nicht zu verpassen.

In Algeciras angekommen verbringen wir eine letzte Nacht an Bord. Früh morgens verlassen wir das Schiff noch im Dunkeln, setzen unsere in lange Hosen, Jacken und Socken gepackte Körper auf europäischen Boden, winken der Crew auf dem unteren Deck und den rumänischen Offizieren auf der Brücke ein letztes Mal zu, verlassen den Hafen nur mit Angabe des Namens, aber ohne Pass- und Gepäckkontrolle und kommen so problemlos in Spanien an.

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