Nach einer langen Fahrt durch Hochtäler der Anden und karge Weiten werden wir auf einer Anhöhe kurz vor dem Ziel mit einem ersten Blick auf den tiefblauen Titicaca-See belohnt, unser Herz schlägt höher. Wir kommen in Puno an, es liegt in einer riesigen Bucht direkt am See und hat einen kleinen Stadtkern mit verkehrsreichen engen klaustrophobischen Strassen. Der Tourismus kommt in der einzigen Fussgängerzone, der Calle Lima, so richtig zur Geltung. Jeden Meter bieten uns die vielen Verkäufer auf sehr intensive Art und Weise noch mehr Ponchos, Schmuck und selbstgemalte Bilder an. Gestrickte farbige Andenkäppis gibt es z.B. schon für 1 Soles! Sprich 35 Rappen!?! Wir fragen uns, ob hier irgendwo eine Fabrik steht, die diese Massenprodukte herstellt oder sind sie sogar Made in China? In diesem Ort kann uns aber nur der süsse Glühwein so richtig erwärmen.
Bei einem Uferspaziergang treffen wir auf ein Unikum aus vergangenen Zeiten mit bewegter Geschichte. Im Jahre 1861 bestellte die peruanische Regierung zwei Kanonenboote in England. Diese 210 Tonnen Material wurden in 2'766 lama- und mauleseltauglichen Einzelteilen um das Kap Horn geschifft, von Arica nach Tacna mit dem Zug transportiert, dort auf die Tiere geladen und so über die Anden nach Puno geschleppt. Der Transport über die unwegsamen Trampelpfade war äussert mühsam und gefährlich, viele Opfer (Menschen und Tiere) waren zu beklagen, aus den geplanten 6 Monaten wurden 6 lange Jahre! Die Kanonen kamen allerdings nie am Titicaca-See an. Nach einigen Jahren als Transportdampfschiffe verlotterten sie und eines, die Yavari, wurde vor kurzer Zeit mit Spendengeldern wieder in Stand gestellt und dient heute als schwimmendes Museum.
Um den Titicaca-See in seiner vollen Grösse zu erleben, kommen wir nicht darum herum ein Tour zu buchen und landen mit 25 Mitreisenden auf einem der vielen Touristen-Boote. Die erste Station des 2-tägigen Ausfluges sind die schwimmenden Dörfer der Uros. Der Kontrollposten am Eingang weist uns "unsere" Insel zu, dort werden wir bereits singend und klatschend erwartet. "Spontan" mischen sich die Uros unter uns, zeigen wie man aus Schilf Inseln, Häuser, Boote - einfach alles - baut und wie hier gekocht wird, ohne das dabei etwas in Flammen aufgeht. Das Ganze ist völlig natürlich und überhaupt nicht touristisch und entsprechend pudelwohl fühlen wir uns dabei :-)
Jetzt geht es hinaus auf die hohe See und endlich sehen wir die riesige blaue Wasserfläche die bis weit an den Horizont reicht und in der Ferne ragen die weissen Gipfel des bolivianischen Gebirges in den Himmel. Nach gut 3-stündiger Schifffahrt landen wir auf der nahe gelegenen Isla Amantaní. Auch hier werden wir bereits von den Einwohnern erwartet und sofort auf die einzelnen Gastfamilien aufgeteilt. Wir und unser Mitreisender Bruno finden unser Zuhause in einem einfachen Gehöft, hier wohnt Elisabeth mit ihrer 6-köpfigen Schar, ein paar Schafen und Hühnern. In der kleinen lehmigen Küche wird ein Mittagessen über dem Feuer gekocht, es gibt Suppe mit Kartoffeln und Quinoa, als Hauptgang 5 kleine Kartoffeln, ein hartgekochtes Ei, zwei Tomatenscheiben und ein Schälchen mit Salz. Einfach, aber gut! Nach dem Essen packt unsere Hausmutter einen riesigen Sack aus: mit was wohl? Mit vielen selbst gestrickten Andenkäppis aus reiner Alpacawolle und wir kommen nun definitiv nicht darum herum ihr eines abzukaufen (was sich einige Zeit später als äusserst klug erweist). Zum obligaten Puesta del Sol strömen alle Touristen auf den 4'000m hohen Pachamama und mit uns auch alle SouvenirverkäuferInnen der Insel. Nichtsdestotrotz geniessen wir einen dramatischen Sonnenuntergang bei wolkenverhangenem Himmel.
Das war noch lange nicht alles, ein Höhepunkt jagt den anderen! Nach dem Nachtessen werden wir von der Familie eingekleidet. Für die Männer gibt es einen Poncho und was wohl? Ein Andenkäppi! Für die Frau eine reichbestickte Bluse, einen typisch faltenreichen, voluminösen Rock und ein Kopftuch. Nun marschieren wir gemeinsam ins Dorf hinauf und landen in einem schlichten Festsaal. Eine Musikgruppe spielt auf und völlig natürlich und überhaupt nicht touristisch werden wir zum Tanzen animiert und entsprechend pudelwohl fühlen wir uns dabei :-)
Zum Frühstück gibt's feine Panqueque (sprich: Pankiki, gemeint sind Pancakes) und dazu, wie überall in Peru, heisses Wasser mit einer homöopathischen Dosis Kaffee. Um trotzdem zu den nötigen Weckaminen zu kommen haben wir immer etwas Nescafé dabei. Plötzlich steht unsere Hausmutter mit Tochter und zwei leeren Tassen vor uns und selbstverständlich füllen wir diese mit dem braunen Pulver. Die Sonnencreme werden wir auf ähnliche Weise und gleich schnell los, unser restliches Hab und Gut packen wir rasch und diskret ein. Die Familie begleitet uns zum Hafen und wir werden herzlich verabschiedet. Auf dem Rückweg bewandern wir noch die Isla Taquile und treffen gegen Abend wieder in Puno ein. Obwohl es übers Ganze gesehen zwei schöne und interessante Tage waren, ist unser Bedarf an organisierten Gruppentouren wieder einmal gestillt.
Wir reisen nun weiter nach Bolivien. Da wir unser 90-Tage Visum in Peru etwas überstrapaziert haben, bezahlen wir an der Grenze eine "Busse" von 1 USD pro zusätzlichen Tag, in unserem Fall je 18 Dollares. In Bolivien werden wir herzlich empfangen, nicht einmal unser Gepäck wird untersucht.
Mit dem Bus fahren wir weiter nach Copacabana, dieses Dorf hat optisch einen fast ebenbürtigen Strand wie der Namensvetter in Rio de Janeiro, mit dem kleinen Unterschied, dass das Wasser süsser und kälter (9° Celsius) ist. Wie überall am Titicaca-See gibt es auch hier in jedem Restaurant Truchas (Lachs-Forellen) in allen Variationen und wir schlagen hemmungslos zu und ernähren uns fast ausschliesslich von den schmackhaften, dicken und rosa Fischstücken.
Vor Copacabana liegt die Isla del Sol, hier erweckte der Sonnengott Inti seine Kinder, den ersten Inka Manco Cápac und seine Frau Mama Ocllo, zum Leben. Diesen sagenumwobenen Ort wollen wir uns nicht entgehen lassen. Als wir mit dem Boot die Insel erreichen sind wir begeistert von der schönen Natur, den idyllischen Buchten, dem klaren Wasser, den terrassierten Hügeln und so wandern wir von der nördlichen Spitze über herrliche Wege bis zum südlichen Hafen.
Auch die Zeit am Titicaca-See hat ein Ende und wir reisen wie üblich per Bus weiter. Völlig überraschend überqueren wir den See an einer schmalen Stelle nicht über die erwartete Brücke. Unser Bus wird auf ein kleines Floss geladen und mit dieser "Fähre" ans andere Ufer gebracht, während wir von einem kleinen Motorboot aus die ganze Prozedur miterleben. Danach geht es auf direktem Weg nach La Paz.