15 - La Paz     Oktober 2009

Schon die Einfahrt in La Paz lässt einiges erahnen was auf uns zukommen wird. Hoch oben in El Alto sehen wir total fasziniert in den tiefen, völlig überbauten Talkessel. Rund um uns herrscht ein chaotischer Verkehr, inmitten von dicken Abgaswolken will jeder der Erste sein und so verzahnen sich grosse Lastwagen und Busse ineinander und blockieren ganze Kreuzungen und Kreisel und selbst durch das inbrünstige Hupen aller Beteiligten löst sich der Stau nicht auf. Das turbulente Leben in La Paz gefällt uns sehr und so spazieren wir oft durch die vielen engen Strassen und auf den von Verkaufsständen überfüllten Trottoirs. In einem Quartier bieten Bäuerinnen frisches Gemüse auf Tüchern ausgebreitet an, um die nächste Ecke gibt es improvisierte Essstände mit Salteñas, frittiertem Fisch und in grossen geflochtenen Körben werden frische Brötchen angeboten, ein bisschen weiter stapeln sich Kleider, Schuhe und Berge von Strümpfen und in der Nähe unseres Hotels sind die Kräuter und Elixierstände der Brujos. Hier können auch komplette Opfersets mit getrockneten Lamaföten, Coca-Blättern, Süssigkeiten, etc. gekauft werden, um z.B. beim Bau eines neuen Hauses den Segen von Pachamama zu erbeten.

Ganz speziell ist die geografische Lage von La Paz. Vom höchsten Punkt in El Alto auf 4'000 m.ü.M. geht es bis zum anderen Ende der Stadt praktisch 1'000 Meter hinunter. Hier kann es bis zu 10 Grad Celsius wärmer sein. Dementsprechend leben hier auch die sehr gut Betuchten und im Gegensatz zu den sonst üblichen, einfachen Backsteingebäuden treffen wir auf herausgeputzte Villen mit Gartenanlagen und luxuriöse Einkaufsmeilen. Während im Zentrum die Strassen voll gestopft sind mit farbigen Bussen und Taxis, zeigt man sich hier gemütlich im blitzblanken BMW, Range Rover und Hummer. Auch der höchstgelegene saftiggrüne Golfplatz der Welt fehlt nicht.

In der Nähe von La Paz befindet sich Hochgebirgskette Cordillera Real mit einigen über 6'000 Meter hohen Gipfeln. Es ist nicht nur für Bergsteiger ein gefundenes Fressen, sondern auch für Freizeitwanderer wie wir, ein grosses Gebiet mit vielen Möglichkeiten. Wir packen eine davon und buchen die 3-tägige Tuni Condoriri Tour. Da wir vor allem wandern und nicht schleppen wollen, sind Maultiere im Preis inbegriffen. Wir haben Glück :-) und sind die einzigen Interessenten, so fahren wir mit unserem Guide Sebastian in einem Taxi nach Tuni auf 4'500 Metern Höhe. In der kargen Hütte des Maultierführers Fredy gibt es einen kleinen Zmittag, streng beobachtet vom Schmuckstück des Hauses, einer Barbie. Wir laufen los und wie immer in diesen Höhen haben wir den linken Backen mit Coca-Blättern gefüllt. Sanft und stetig bergauf erreichen wir am Nachmittag die Lagune Chiar Khota am Fusse des 5'638 Meter hohen Condoriri oder auch Cabeza de Condor genannt. Wir schlagen die Zelte auf, die Sonne geht unter und... es wird blitzartig saukalt. Im Esszelt sitzen wir um den auf dieser Höhe nötigen Kerosin-Kocher und versuchen uns etwas aufzuwärmen. Die Kartoffelsuppe und das Kuh-Plätzli mit Reis sind schnell verschlungen und wir verschwinden in Vorfreude auf unsere Hightech North Face Schlafsäcke in unserem Zelt... aber irgendwie haben wir uns da gehörig verrechnet, wir sind hier auf 4'700 m.ü.M. so hoch wie noch nie! In der Not ziehen wir alles an was wir dabei haben, auch unsere sexy Thermounterwäsche und Sandra sogar ihr Andenkäppi (siehe Bericht Lago Titicaca). Es nützt nichts, wir schlottern die ganze Nacht, machen praktisch kein Auge zu und früh morgens fallen vom besagten andinen Kopfschutz sogar weisse Eiskrusten. Kaum wird es draussen hell, klettern wir um die Wette in die Höhe, um uns am schnellsten von den ersten Sonnenstrahlen aufwärmen zu lassen.

Von nun an geht es psychisch aufwärts und physisch rauf und runter. Mal schnell hoch auf knapp 5'000 Meter, dann wieder 500 Meter runter in ein prächtiges Tal und dann einen steilen Schotterhang aus kleinen Schiefersteinstücken hoch bis auf 5'000 Meter (Motto: Einfach nicht runterschauen!). Aber der Krampf hat sich gelohnt, weit im Hintergrund entdecken wir unseren geliebten Titicaca-See, welch tolle Aussicht! Jetzt müssen wir nur noch den Schiefersteinstückchenschotterhang auf der anderen Seite wieder runter, dann vorbei an vielen Lagunen und verlassenen Minendörfern, bis wir am Nachmittag wieder einem traumhaften Platz für unser Nachtlager finden. Wir campieren am Fusse des Huayna Potosí (6'088 m.ü.M.) auf gleicher Höhe wie letzte Nacht, das Klima erweist sich aber als etwas milder und so erhoffen wir uns einige Minuten zusätzlichen Schlaf. Am Abend beobachten wir Lamaherden die auf der Bergkuppe auftauchen und elegant über die weiten und steilen Sanddünen zu ihren Futterplätzen hinunter rennen.

Aus unerklärlichen Gründen verabschieden sich unsere Maulesel mit Führer, aber unser Guide findet sofort Ersatz: Eine Frau aus der Umgebung wird unsere Zelte, das ganze Küchenmaterial, Schlafsäcke und -matten und unsere Rucksäcke zum Ziel tragen. Das kann wohl nicht sein Ernst sein, sie soll die ganze Last von zwei Mauleseln schleppen?!? Natürlich ist es Ehrensache, dass wir immerhin unsere Rucksäcke selber anschnallen, auch wenn wir noch einen 5'000er vor uns haben. Die Trägerin einer anderen Gruppe kommt hinzu und beide Frauen laufen fröhlich schwatzend den ganzen Weg ohne grössere sichtbare Anstrengung.

Gegen Mittag landen wir an der Strasse zu den Minen von Milluni. Hier wird Zink abgebaut, aber auch Gold-, Kupfer- und andere Minen sind in dieser Gegend vorhanden. Das sehen wir vor allem den wunderschönen in allen Rottönen leuchtenden Flüssen und Lagunen an, in die wir nur für sehr viel Geld einen Fuss setzen würden. Im staubigen Bus und um einige Erfahrungen reicher fahren wir wieder zurück nach La Paz.

Aber offenbar haben wir unsere Abenteuerlust doch noch nicht gestillt. Wenn schon hier, dann ist ein Fahrt auf der gefährlichsten Strasse der Welt ein Muss. Sie hat viele Namen: "El Camino de la Muerte", "Most Dangerous Road in the World", "Death Road" oder einfach "Yungas-Strasse" und beginnt auf dem Pass La Cumbre (4'650 m.ü.M.) an einem Stausee in felsiger und pflanzenloser Landschaft. Danach geht es fast nur noch abwärts bis in den Amazonas-Regenwald, nach Yolosa (1'295 m.ü.M.) und so werden auf dieser Fahrt mit 3'400 Meter Höhendifferenz (!!!) fast alle Klimazonen Südamerikas in 4 Stunden durchquert... verrückt!

Pro Jahr kamen hier um die 300 Personen ums Leben, bis im Jahre 2006 eine Umfahrungsstrasse für den Normalverkehr gebaut wurde. Heute wird die Yungas-Strasse nur noch von Velofahrern, deren Begleitfahrzeugen und anderen schaulustigen Touristen benutzt. Letztes Jahr starben auf dieser Strecke nur noch ca. 10 Personen. Frisch gestärkt mit solch positiven Zahlen wagen wir uns am morgen früh nach einer kurzen Instruktion aufs Fahrrad und rasen mit unserer Gruppe los. Während der Fahrt sind wir hin- und hergerissen zwischen dem Bestaunen der immer üppiger werdenden Natur und dem ja nicht Hinschauen wenn es bei der linken Pedale 600 Meter senkrecht in die Tiefe geht. Glücklich am Ziel angekommen dürfen wir unsere durchgeschüttelten Körper und strapazierten Handgelenke mit Dusche, Pool und Bier verwöhnen lassen.

Wir verlassen die Region La Paz und reisen nun in hoffentlich mildere Regionen und dem Frühling entgegen nach Sucre und hoffen euch im nächsten Bericht nicht mehr soviel Kälte- und Höhenangaben zuzumuten.
 

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